Ein Kochrezept für die Integration

Lesedauer: 6 Min
Agnes Disselkamp (von links), Firas Abo Saleh, Ina Peppersack und Daniel Schoon laden Einheimische und Geflüchtete in ihren Küch
Agnes Disselkamp (von links), Firas Abo Saleh, Ina Peppersack und Daniel Schoon laden Einheimische und Geflüchtete in ihren Küchencontainer zu gemeinsamen Kochabenden ein. (Foto: Birga Woytowicz)
Schwäbische Zeitung
Birga Woytowicz

Anmeldungen sind möglich unter www.kitchenontherun.org

Integration schmackhaft machen – das ist das Ziel des Projekts „Kitchen on the run“, das bis zum 17. Juni auf dem Biberacher Viehmarktplatz zu Kochabenden einlädt. In einem Küchencontainer sollen Einheimische und Geflüchtete sich beschnuppern, austauschen und darüber hinaus langfristig Freundschaften und ein Netzwerk aufbauen. Ein vierköpfiges Team vom Berliner Verein „ÜberDenTellerrand“ betreut die Aktion.

Dienstags, mittwochs und donnerstags wird nun sieben Wochen lang gekocht. Bis zu 25 Teilnehmer können mitmachen. Online kann man sich als Gast oder Gastgeber anmelden. Letztere bringen Rezeptvorschläge mit und leiten die Gruppe an. Bestenfalls ist die so bunt gemischt wie möglich: „Durch die Anmeldung erfahren wir nur die Namen. Alter und Hintergrund sind zu Anfang immer fremd. Da kommen die verrücktesten Sachen bei raus“, erzählt Agnes Disselkamp, Projektbetreuerin. Über Kennenlernspiele würden Berührungsängste zunächst abgebaut, steuern würde man die Gruppe jedoch nicht: „Wir machen hier nicht nur ein bisschen Kochabendbespaßung und gehen dann wieder“, stellt Ina Peppersack klar.

Im Idealfall gehe aus den Kochabenden ein Ableger hervor, der sich langfristig etabliert. Hier kommen die so genannten Lokalhelden ins Spiel: Freiwillige Helfer aus Biberach, die das Team von „Kitchen on the run“ in den nächsten Wochen unterstützen und das Projekt über die Standzeit des Küchencontainers hinweg weitertragen sollen. Einen Helfer habe man schon gewinnen können, zwei weitere haben Interesse gezeigt, sagt Peppersack. Zudem habe man das Konzept nach den vergangenen Touren überarbeitet: „Wir haben festgestellt, dass wir zu wenig Möglichkeiten für ein Wiedersehen anbieten. Am Freitag gibt es deshalb immer einen offenen Abend.“ Hier sei auch keine Anmeldung nötig, damit die Hemmschwelle zur Teilnahme noch geringer ist. An den Freitagen gebe es dann zum Beispiel Filmabende oder eine Schnibbeldisco: „Jeder bringt seine Reste mit, wir schnibbeln und kochen uns daraus eine Suppe“, sagt Peppersack.

Aber auch am Wochenende soll der Container Treffpunkt für alle sein: „Wir planen wechselnde Veranstaltungen. Aber hier setzen wir auf die Leute vor Ort“, macht Agnes Disselkamp deutlich. Jeder könne sich mit Ideen einbringen. Am 12. Mai ist beispielsweise ein Theaterworkshop geplant.

Den ersten Schritt machen

Zum ersten Mal ist auf der Tour des Küchencontainers auch Firas Abo Saleh als Projektbetreuer dabei. Vor drei Jahren flüchtete der Syrer nach Deutschland. Inzwischen hat er viele Freunde gefunden und studiert Bauingenieurswesen. Am Anfang habe er sich jedoch einsam gefühlt: „Kleinigkeiten sind wichtig. Je öfter ich damals zu Vereinstreffen gegangen bin, desto mehr hat sich entwickelt. Man muss einfach einen ersten Schritt machen.“ Genau das wolle er anderen beibringen.

Dass ein Kochabend ein guter Anstoß sein kann, erfährt auch Daniel Schoon – der Vierte im Bunde – immer wieder. „Einmal kam ein Ehepaar, die Frau hatte die beiden angemeldet. Der Mann war erschöpft von der Arbeit und sagte auch, dass er keinen Bock habe.“ Zweieinhalb Stunden später habe sich der Mann eifrig am Kochen beteiligt und gesagt, wie gut er die Aktion finde. Es sei unglaublich gewesen, wie schnell sich seine Sichtweise geändert habe. Tagtäglich sehe er, sagt Schoon, dass seine Arbeit Sinn ergebe.

„Ich lerne auch persönlich immer mehr dazu. Die Abende sind sehr bereichernd“, stimmt Disselkamp ihm zu. An den Abenden herrsche immer eine sehr gesellige Atmosphäre. Spannungen gebe es eher weniger: „Wenn diskutiert wird, dann über die Herdplatten.“ Auch wenn jede Gruppe anders zueinanderfinde – am Ende würden sich viele in den Armen liegen, lachen oder Bilder knipsen, sagt Disselkamp.

Yvonne Moderecker, Integrationsbeauftragte der Stadt Biberach, hat eine simple Erklärung: „Es geht um ganz zentrale Bedürfnisse, die uns vereinen. Essen und Gesellschaft. Da kommt man wunderbar zusammen.“ Die Stadt fördert das Projekt. Aber auch aus eigenem Antrieb möchte Moderecker an Kochabenden teilnehmen: „Das ist für alle eine gute Möglichkeit. Auch für solche, die neu in die Stadt gezogen sind.“

Der Start in Biberach laufe überraschend gut, sagt Agnes Disselkamp: „Wir haben eine gute, zentrale Lage. Und die Leute sind besonders neugierig.“ Kurz nach Startschuss seien schon einige Anmeldungen eingegangen. Freie Plätze gibt es aber noch an allen Tagen.

Anmeldungen sind möglich unter www.kitchenontherun.org

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen