„Dieses Projekt kann Pilotcharakter haben“

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Erik Flügge ist gebürtiger Baden-Württemberger aus Backnang. Der Politologe und Germanist ist Geschäftsführer der Squirrel Nuts (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Die Jugendlichen aus Biberach sollen bei der Planung des neuen Jugendhauses an der Breslaustraße mitwirken dürfen. Das hat der Gemeinderat beschlossen. Herzstück dieser Beteiligung soll eine Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook sein, innerhalb der die Jugendlichen mit Stadt und Architekten die Pläne für das Jugendhaus diskutieren können. Begleitet und moderiert wird dieser Prozess, der nächste Woche beginnt, von der Kölner Firma „Squirrel & Nuts“, die sich auf Bürgerbeteiligungsprozesse spezialisiert hat. Mit deren Geschäftsführer Erik Flügge hat SZ-Redakteur Gerd Mägerle über das Projekt in Biberach gesprochen und auch darüber, wie wichtig solche Beteiligungsprozesse für die Kommunalpolitik künftig sind, um bei jungen Menschen Interesse für Politik zu wecken.

SZ: Herr Flügge, man nehme ein kommunalpolitisches Thema, eröffne dazu eine Facebook-Gruppe, schon rennt einem die junge Generation die Tür ein und diskutiert wie wild mit. Geht das so einfach?

Flügge: Zunächst einmal haben wir festgestellt, dass Kommunalpolitik für Jugendliche nicht uninteressant ist. Sie kennen die Themen, die dort diskutiert werden, haben aber keine Idee, wie sie mit diesem System Kommunalpolitik in Kontakt treten sollen. Denn Kommunalpolitik findet in Medien statt, die für Jugendliche quasi tot sind, egal ob es das Mitteilungsblatt oder die Zeitung ist. Das heißt: Kontaktflächen zwischen Jugendlichen und Kommunalpolitik sind nicht vorhanden.

Dafür braucht es soziale Netzwerke wie Facebook?

Ja, das ist aber nur ein Teil. Der andere ist, dass sich die Kommunalpolitik darauf einlassen muss. Wir als Firma sind in diesem Prozess der Übersetzungsdienstleister, wir übernehmen eine Postbotenfunktion.

Wie muss man das verstehen?

Unsere Mitarbeiter, die den Beteiligungsprozess für das Jugendhaus moderieren, sind Anfang 20. Das heißt, sie sprechen die Sprache der jungen Leute. Gleichzeitig sind sie aber auch Verwaltungswissenschaftler und verstehen deshalb auch die andere Seite.

Und das reicht aus, um die junge Menschen zum Mitmachen zu bewegen?

Nicht allein. Ganz entscheidend ist, dass die Jugendlichen spüren, dass sie durch ihr Mitdiskutieren tatsächlich etwas verändern. Wir haben deshalb mit der Biberacher Stadtverwaltung ein Verfahren entwickelt, das es der Verwaltung und den Architekten erlaubt, sehr schnell auf die Vorschläge der Jugendlichen zu reagieren. Wenn die Jugendlichen merken, dass sie mit ihren Beiträgen tatsächlich etwas erreichen, sind sie auch bereit sich einzubringen. Die Herausforderung besteht also nicht darin, die Jugendlichen zum Mitmachen zu animieren, sondern darin, die Verwaltung dazu zu bringen, schneller zu antworten, als sie das gewohnt ist. Und das in einer kurzen, prägnanten Sprache, die die Jugendlichen verstehen.

Welche Bedingungen finden Sie in dieser Hinsicht bei der Biberacher Stadtverwaltung vor?

Ich erlebe die Stadtverwaltung als sehr professionell und sehr begeistert von dem ganzen Verfahren. Wir finden hier traumhafte Bedingungen vor. Dieses Projekt kann tatsächlich Pilotcharakter haben. Die Jugendlichen dürfen in Biberach über das Design eines Gebäudes mitentscheiden. Das ist bundesweit wohl ziemlich einmalig.

Sie haben im Gemeinderat gesagt, dass es Ihnen mit diesem Beteiligungsprozess gelingen wird, rund 50 Prozent aller Biberacher Jugendlichen zu erreichen. Ist das nicht sehr hoch gegriffen?

Durch die Botschafter, die wir in jeder Schulklasse haben werden, erreichen wir schon einmal sehr viele Jugendliche. Gleichzeitig gibt es zum Auftakt ja auch eine Veranstaltung in der Stadthalle, in der die Jugendlichen uns leibhaftig treffen und mit uns reden können. Vertrauen ist in dem ganzen Prozess sehr wichtig, denn Jugendliche vertrauen in sozialen Netzwerken zum Glück nur Leuten, die sie kennen. Und wir werden hier in Biberach mit vielen Jugendlichen in Kontakt kommen.

Sind solche Beteiligungsprozesse über Facebook die Zukunft im politischen Bereich, auch auf kommunaler Ebene?

Wir werden sicher nicht mehr in die Zeit vor Facebook zurückfallen. Wir werden künftig noch viel stärker mit sozialen Netzwerken arbeiten. Ob das nun Facebook ist oder etwas anderes, kann ich heute noch nicht sagen. Ein gutes Beispiel dafür ist die E-Mail. Noch vor wenigen Jahren etwas innovativ Neues, ist sie heute eigentlich tot. Die Jugendlichen schreiben sich heute keine E-Mails mehr. Das tun nur noch Behörden oder Firmen. Die Funktion, sich Nachrichten zu übermitteln, ist aber nicht weg - sie hat sich nur auf die Mitteilungsdienste der sozialen Netzwerke verlagert.

Wie viele Stunden verbringen Sie selbst in Facebook & Co.?

Das ist unterschiedlich. Wenn ich beispielsweise mit der Bahn nach Biberach fahre, bin ich die ganze Zeit online. Aus meinem Alltag ist das nicht mehr wegzudenken. Es ist für mich mittlerweile eine selbstverständliche Komponente, um Kontakt zu Freunden zu halten.

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