Die „toten Dichter“ sind quicklebendig

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Aylin Duran

Sind die Worte längst verstorbener Dichter womöglich zeitlos und somit unsterblich? Oder sind alte Dichtungen öde und gehören schleunigst aus jedem Bücherregal verbannt? Antworten auf diese Fragen haben Tobias Meinhold und Tobias Heyel beim „Dead-Or-Alive-Poerty-Slam“ in der Gigelberghalle gesucht. Mehr als 500 Zuschauer wollten sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen.

„Was ist geiler? Lebend oder tot?“, fragte Heyel die Zuschauer in der Gigelberghalle. Um sich auf der Bühne mit äußerst lebendigen Poetry-Slammern zu duellieren, sind am Samstagabend verstorbene Dichter kurzzeitig wieder von den Toten auferstanden. Verkleidet als Christoph Martin Wieland eröffnete Tobias Meinhold den Abend. Hut und Gehstock durften natürlich nicht fehlen, als er in die Schuhe des Biberacher Dichters schlüpfte und dessen Liebesgedicht „Nadine“ zum Besten gab.

„Ich habe extra nicht geduscht, damit das Ganze authentisch wirkt“, witzelte Meinhold auf der Bühne. Während Mitglieder des Dramatischen Vereins Gedichte längst verstorbener Dichter vortrugen, haben die anwesenden Poetry-Slammer selbst fleißig die Federn geschwungen. Um ihre Werke vorzutragen, reisten die Wortkünstler unter anderem aus Frankfurt, Berlin und Essen an. In ihren Gedichten befassten sie sich mit dem eigenen Erwachsenwerden oder behandelten skurrile Äußerungen und verrückte Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Frühlingsgefühle für Gandalf

Dass nach ihrer Pubertät eine „schlechte Erwachsene“ aus ihr geworden ist, musste sich die 29-jährige Sandra Da Vina (Essen) eingestehen. Ein Haus hat sie bereits gemietet – dort sind bis jetzt allerdings nur ihre Playmobil-Figuren eingezogen. Und obwohl sie demnächst ihren 30. Geburtstag feiern wird, erschrickt sie immer noch, wenn sie gesiezt wird. In ihrem Text erzählte sie von den Frühlingsgefühlen, die sie für die Filmfigur Gandalf empfindet, verspricht den Zuschauern allerdings im selben Atemzug: „Ich arbeite daran, eine gute Erwachsene zu werden.“ Den ersten Schritt in die richtige Richtung hat sie bereits getan. Schließlich hänge mittlerweile eine Übergangsjacke in ihrem Kleiderschrank – und darauf ist sie mächtig stolz.

Ins Finale zog die Poetry-Slammerin Laura Kohler (Bamberg) ein. Über die neusten Ereignisse im Weltgeschehen kann die 19-Jährige bestenfalls nur noch betreten den Kopf schütteln. Denn wenn sie sich die Nachrichten zu Gemüte führt, wünscht sie sich manchmal, alles sei nur ein schlecher Witz. Und davon handelte auch ihr Text: Schritt für Schritt arbeiten die Menschen ihrer Meinung nach daran, die Welt zu zerstören. Und irgendwann wird es knallen. Obwohl: „Viel mehr können wir nicht mehr kaputt machen“, meinte sie auf der Bühne.

Schauspieler tragen auswendig vor

Einen Unterschied zwischen den Poetry-Slammern und den Mitgliedern des Dramatischen Vereins konnte man erkennen: Im Durchschnitt waren die Theaterschauspieler älter, während die Wortkünstler deutlich jünger waren. Einige der Poetry-Slammer wagten sich ohne ihre Textblätter nicht auf die Bühne, die Mitglieder des Dramatischen Vereins trugen die Gedichte der verstorbenen Dichter jedoch ausschließlich auswendig vor.

Johann Wolfgang von Goethe verstarb im Jahr 1832. Dass seine Worte jedoch unsterblich sind und auch im 21. Jahrhundert bei den Menschen noch sehr gut ankommen, zeigte sich beim Poetry-Slam. Volker Angenbauer und Gunther Dahinten, Mitglieder des Dramatischen Vereins, trugen Goethes wohl bekannteste Ballade „Der Zauberlehrling“ vor. Die beiden Männer schlüpften in die Rollen des Zauberers und seines Zauberlehrlings, der Chaos in der Hexenstube verursacht. Angenbauer und Dahinten begeisterten das Publikum und wurden am Ende des Abends nicht zuletzt aufgrund ihres schauspielerischen Talents und ihrer Ausdrucksstärke als Sieger gekürt. Die „toten Dichter“ zeigten sich also zumindest an diesem Abend quicklebendig.

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