Die „Singvögel“ sangen bis sie starben

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Abschiedskonzert: Vor großem Publikum verabschiedeten sich die „Singvögel“ aus Biberach. (Foto: Vogel)
Schwäbische Zeitung
Günter Vogel

Georg, Auguste und Kathinka waren zwischen 22 und 28 Jahre alt, als ihr Dampfer „Cimbria“ vor Borkum sank. Die Biberacher Geschwister waren auf dem Weg zu einer Tournee durch Amerika und starben wie die meisten Mitreisenden.

Schützendirektorin Edeltraud Garlin hat für die Heimatstunde von der Kindheit bis zur Abreise zu der verhängnisvollen Fahrt eindrucksvolle Szenen geschrieben und selbst inszeniert. Ein Onkel Scheffold (Robert Wölfle) erzählt dem verwaisten Sohn von Georg (aufgeweckt: Clemens Pfab) und dem Publikum Einzelheiten und Hintergründe der Handlung. Ein Bänkelsänger (Günther Garlin) singt zur Drehorgel in der damaligen Manier die traurige tränenintensive Geschichte. In der Rückblende wird dann gezeigt, dass die Eltern der drei Sänger (Adam Kettel und Hanni Schurer) eine Schneiderwerkstatt hatten und gleichzeitig die „Goldene Ente“ in der Gymnasiumstraße betrieben, wo sich Honoratioren der Stadt trafen. Der Schneidergeselle (Klaus Pfalzer) spielte sehr schön Geige, studierte später Musik, brachte es bis zum Musikdirektor in Denver.

In der Familie wurde viel Hausmusik gemacht; vor allem die beiden Mädchen sangen von Kindheit an. Der Biberacher Musikdirektor Christoph Braun (Hans Beck) wurde auf den schönen Gesang der Geschwister aufmerksam, schrieb für sie eine Reihe von Liedern, die sie auch beim König von Württemberg in Stuttgart vortragen durften, der sie seinerseits begeistert nach Berlin an den Kaiserhof empfahl. Sie machten Karriere als „Schwäbische Singvögel“, lernten sich gewandt bei Hofe zu bewegen. Tourneen führten sie durch Europa.

Im Mittelpunkt des Spielgeschehens standen natürlich die drei Geschwister, und die Besetzung war für die Autorin und für alle Theaterbesucher ein Glücksfall. Kathinka und Georg spielten und sangen mit Leidenschaft und wohlklingender Stimme Maria Goeth und Roland Weber. Die Stimmführung des Trios hatte die Opern- und Konzertsängerin Cornelia Lanz als Auguste; alle drei entzückten mit makellosem Singen und professioneller Spielstärke. Peter Marx, der am Klavier begleitete, hatte den drei Sängern eine Reihe von Liedern von Christoph Braun einstudiert. Edeltraud Garlin zeigte mit diesen Liedern im Schlussbild einen Teil des Abschiedskonzerts am 4. Januar 1883 in der „Goldenen Ente“; zwei Wochen nach dem Konzert waren sie tot.

In dieser Heimatstunde bedauerte man, dass es allein aus Zeitgründen nicht möglich war, noch mehr dieser Lieder im wunderschönen biedermeierlichen Duktus zu hören.

Alle Personen sind ausnahmslos historisch. Die Autorin konnte sie durch intensives Quellenstudium in Archiven, von Behördenunterlagen wie auch aus den zahlreichen Briefen von Auguste Rommer zum Leben erwecken. Optisch unterstützt wurde sie von den Bildprojektionen von Hermann Maier.

Heimattheater der Spitzenklasse

Mit starken Einzelszenen ist ein ungemein dichtes Bild der Familie Rommer und des damaligen gesellschaftlichen Umfeldes in Biberach enstanden. Da sieht man die Ratschweiber auf dem Friedhof, die jungen Mädchen, die auf den „Richtigen“ hoffen, nimmt teil an der Freude des Schneiders über die Nähmaschine, amüsiert sich über die blasierten Hofschranzen, bewundert die schönen Kostüme. Alles ist lebensprall, realistisch, authentisch. Heimattheater der Spitzenklasse!

Eröffnet hatte die Folkgruppe „MundArt“ mit Werner Krugs Lied „Biberach“. Unter Klaus Pfalzers Leitung spielte das Salon-Orchester der Musikschule.

Nach dem gemeinsamen „Rund um mich her“ dankte das Publikum mit Riesenbeifall für eine großartige Heimatstunde.

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