Die Mauer fällt, die Liebe siegt

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Redaktionsleiter

Weitere Aufführungen sind am 4., 5., 12., 19., und 20. Januar, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter anderem bei der Schwäbischen Zeitung Biberach, Marktplatz 35 (Mo-Fr 9-13 Uhr), telefonisch unter 0751/29555777 oder unter www.tickets.schwaebische.de

Liebe über Stacheldraht hinweg, Mauerfall und die Geburtswehen eines vereinten Deutschlands, und das Ganze gespickt mit viel Musik der Neuen Deutschen Welle: Mit dem Musical „Berlin Berlin“ von Regisseur Thomas Laengerer hat der Dramatische Verein (Dram) die Biberacher am Silvesterabend auf eine unterhaltsame, mitreißende, aber auch nachdenkliche Zeitreise mitgenommen.

Während Zehntausende Menschen Silvester 2018 vor dem echten Brandenburger Tor in Berlin feierten, wurde das Publikum in der Stadthalle 35 Jahre zurück gebeamt. 1983 steht das Tor als Symbol für die Teilung in zwei deutsche Staaten. Die Kulisse wird gespenstisch von weißen Scheinwerfern beleuchtet, zwischen dem Grenzzaun patrouillieren Volkspolizisten (Vopos) der DDR. Während in West-Berlin zu den Klängen der Neuen Deutschen Welle (NDW) abgetanzt wird und in Kreuzberg die Hausbesetzerszene aktiv ist, herrschen in Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, Bespitzelung und Einschüchterung.

Das FDJ-Mädchen Paula (Carolin Bock) trifft am Grenzübergang durch Zufall auf den West-Studenten Paul (Tom Talaj). Beide verlieben sich auf den ersten Blick ineinander. Eine wundervolle Tanzszene mit beeindruckender Vertikaltuch-Akrobatik (Alexandra Wirz) drückt aus, was unmöglich scheint: eine Liebe ohne Schranken. Dazu erklingt der DDR-Rockklassiker „Am Fenster“ von City. Das bekannte Geigensolo spielt Alexandra Frenkel perfekt live auf der Bühne.

Die Zuschauer werden hineingezogen in die chaotische Hausbesetzerszene in Kreuzberg. Während die einen mit den aufbegehrenden jungen Menschen sympathisieren, wünschen sich andere „den Adolf“ zurück, der für Ordnung sorgen soll.

Durch Zufall treffen sich Paul und Paula im „Palast der Republik“ in Ost-Berlin bei einem Konzert der Stern-Combo Meißen wieder. Der Titel „Gib mir, was du geben kannst“ wird zum Motto der Verliebten in dieser Nacht. In der Wohnung von Paulas Freundin Elke (schauspielerisch und gesanglich beeindruckend Irene Lang) lieben sich die beiden; nicht wissend, dass die Stasi der unerwünschten Ost-West-Beziehung längst auf die Schliche gekommen ist. Einschüchternde Verhöre sind die Folge. Die Liebe scheint gescheitert.

Es kommt der Herbst 1989: Das Volk in der DDR geht auf die Straße. „Wir sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen“, sagt der Schriftsteller Stefan Heym (Martin Schäffer) am 4. November 1989 bei einer Großdemo auf dem Alexanderplatz – fünf Tage später fällt die Mauer. Anke Leidig spielt die berühmte Szene einer DDR-Bürgerin, die die Vopos zunächst daran hindern wollen, durchs Brandenburger Tor zu gehen. Sie tut es derart überzeugend, dass man Gänsehaut bekommt. Es sind solche collagenartig verdichteten Momente aus dem Wendeherbst '89, die man zum Teil aus dem Fernsehen kennt, in denen das Stück die stärksten Eindrücke hinterlässt.

Jetzt herrscht ausgelassene Stimmung, der „Wind of Change“ fegt nun durchs Land und auch ins Biberacher Publikum, das begeistert mitklatscht. Liedzeilen wie „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern“ spiegeln den Zeitgeist. Allerdings ist der Alltag bald wieder zurück, und West zankt mit Ost an der Aldi-Kasse. Eine kleine Szene nur, die aber sämtliche Vorurteile auf den Punkt bringt.

Paul und Paula finden sich zunächst nicht wieder. Von einer früheren Nachbarin (unnachahmlich komisch gespielt von Jolanta Jarosinska) erfährt Paul, dass seine Jugendliebe die Stadt verlassen hat. Sie kellnert im Hofbräuhaus in München, während er versucht, eine Fahrradfabrik in Potsdam wieder flott zu machen.

In der Folge werden weitere Klischees – Besserwessi versus Jammerossi – durchgespielt, was im zweiten Akt hin und wieder für Längen sorgt. Auch die Episode, in der die Handlung in München spielt, wirkt in ihrer bayerischen Seppeligkeit mitunter etwas zu karikierend. Zum Schluss darf der Lederhosen-Alois (Dominik Kern) zum Song „Eisbär“ sogar eine surrealistische Tanzperformance auf die Bühne zaubern, nachdem ihn Paula hat abblitzen lassen. Dafür wiederum gibt’s zurecht viel Applaus.

Und auch das Happyend ist nahe: Mit ihrer Münchner Tanztruppe gastiert Paula in Potsdam und trifft dabei endlich wieder ihren Paul, mit dem sie nun einer gemeinsamen Zukunft im geeinten Land entgegen träumt. Zum romantischen Ende erklingen Nenas „99 Luftballons“, gesungen von Alexandra Frenkel.

Musiker sind zentral

Es sind vor allem die Musiker um Alexander Locher (Musikschule Tritonal), die „Berlin Berlin“ zu einer mitreißenden Zwei-Stunden-Show machen. Sie treffen den NDW-Sound perfekt und stehen zurecht nicht irgendwo am Rand, sondern das ganze Stück über mitten auf der Bühne auf dem Brandenburger Tor. Die Schauspieler glänzen mit starken Gesangs- und Tanzleistungen. Regisseur Laengerer und sein Team setzen Requisiten nur sparsam ein. Mit gezielt gesetzen Videoeinspielern sowie Licht- und Toneffekten schaffen sie es aber, immer neue Stimmungen und Umgebungen zu erzeugen.

Laengerers Experiment, sich mit einem jungen Ensemble in frecher Weise an ein Stück deutsche Zeitgeschichte zu wagen, darf als gelungen bezeichnet werden. Man wünscht sich, das eine oder andere junge Schauspieltalent noch oft in Biberach auf der Bühne zu sehen.

Weitere Aufführungen sind am 4., 5., 12., 19., und 20. Januar, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter anderem bei der Schwäbischen Zeitung Biberach, Marktplatz 35 (Mo-Fr 9-13 Uhr), telefonisch unter 0751/29555777 oder unter www.tickets.schwaebische.de

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