Die Ökumene, das Wunder

Lesedauer: 4 Min
Matthias Drobinski, Journalist und Theologe, sprach in Biberach zum Stand der Ökumene.
Matthias Drobinski, Journalist und Theologe, sprach in Biberach zum Stand der Ökumene. (Foto: Lange)
Helmut Lange

Der bekannte Journalist, Theologe und Autor Matthias Drobinski („Süddeutsche Zeitung“) hat am Buß- und Bettag in der evangelischen Spitalkirche in Biberach unter dem Titel „Oh Gott, die Ökumene“ gesprochen. Dabei ging es um die historische und die gegenwärtige Situation der Ökumene. Eingeladen hatten die Ökumene-erprobte evangelische und katholische Kirche Biberachs, die mit Pfarrer Ulrich Heinzelmann (evangelisch) und Pfarrer Stefan Ruf (katholisch) vertreten war. Drobinski skizzierte die Rückschläge und das Aufeinanderzubewegen der beiden Kirchen.

Der Journalist zeigte, dass die beiden Kirchen, vertreten durch die Bischöfe Heinrich Bedford-Strohm (evangelisch) und Reinhard Marx (katholisch), diese Bewegung vollführen – und zwar auch in der Wittenberger-Schlosskirche zum Anlass des 500-jährigen Jubiläums des Anschlags der Thesen, die Martin Luther, ein ehemaliger Katholik, an diese Kirche gebracht hat. Damit war die Spaltung vollzogen. Und nun gibt es landauf landab ökumenische Gottesdienste, insbesondere auch hier in Biberach. „Ein fast schon normaler Vorgang, und wir sind gut befreundet“, so Pfarrer Heinzelmann in der anschließenden Diskussion.

Der Referent bezeichnete diese Entwicklung als ein Wunder, denn aus der Geschichte von Zorn und Hass in den Konfessionen ist das Zusammenleben in eine Wertschätzung übergegangen. Es gibt auch weitere Belege der gegenseitigen Wertschätzung: Der Papst umarmte die schwedische Bischöfin Antje Jackelén als er zum Lutherischen Weltbund nach Lund (Schweden) reiste – das hätte Luther sich so wenig träumen lassen wie Papst Leo.

Aber wo steht die Ökumene 2019? Matthias Drobinski sieht das so: „Nach wie vor trennt vor allem das Kirchenverständnis die beiden Konfessionen: Die katholische Kirche sieht sich und ihre Amtsträger in der direkten Nachfolge der Apostel. Der Papst ist der Garant der weltweiten Gemeinschaft. Die evangelische Kirche begreift sich als sichtbaren und kollektiven Ausdruck der Gnadenzusage Gottes an den einzelnen Menschen, sie gründet sich auf die Schrift und nicht auf die Apostelnachfolge, sie erkennt den Papst nicht als Oberhaupt an.“ Vor allem diese verschiedenen Verständnisse bestimmten laut Drobinski die Konflikte, die immer wieder auftauchen, wenn es um das konkrete Miteinander der Konfessionen geht.

In Deutschland habe sich die Auffassung durchgesetzt, dass es besser für die Kirchen ist, wenn sie aufeinander zugehen. Es gebe aber auch den gegenläufigen Trend: In einer Welt zunehmender religiöser Konflikte sei es am besten, wenn jeder sich abgrenzt und seine eigenen Stärken herausstellt. „Aber es gibt Chancen, dass die Kirchen aufeinander zugehen“, so das Abschlusswort des Referenten.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen