Deshalb wird das Pflegeheim für manche teurer

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 Die Landesheimbauverordnung schreibt für Senioren unter anderem Einzel- statt Doppelzimmer vor.
Die Landesheimbauverordnung schreibt für Senioren unter anderem Einzel- statt Doppelzimmer vor. (Foto: Christoph Schmidt)

Einzel- statt Doppelzimmer, kleinere Wohngruppen mit maximal 15 Pflegebedürftigen: Das schreibt die Landesheimbauverordnung vor. 2009 trat sie in Kraft mit dem Ziel, Würde, Selbstbestimmung und Lebensqualität von Pflegebedürftigen zu erhalten. Ende August läuft die zehnjährige Übergangsfrist aus, dann müssen die Vorgaben umgesetzt sein. Für Heimträger und Bewohner hat das teilweise gravierende Folgen.

Und so sieht es bei den einzelnen Trägern aus:

Die St.-Elisabeth-Stiftung bietet in Biberach, Ochsenhausen, Mittelbiberach, Schemmerhofen, Laupheim und Riedlingen insgesamt 177 Einzel- und 41 Doppelzimmer an. Keine Probleme bereiten die beiden Wohnparks in Schemmerhofen und Mittelbiberach. Anders sieht es in Biberach und Ochsenhausen aus.

„Das Pflegeheim des Wohnparks am Jordanbad wird voraussichtlich neu gebaut“, schildert der Pressesprecher der St.-Elisabeth-Stiftung Christian Metz die Situation. Denn statt der geforderten 15 Bewohner lebten dort 20 zusammen in einer Gruppe. Und das Haus könne nicht so aufgeteilt werden, dass zwei sinnvolle Gruppengrößen mit unter 15 Personen entstünden.

„Ohne die Verordnung wäre der Neubau in Biberach nicht notwendig gewesen“, sagt Metz. „Der Wohnpark ist gerade einmal 15 Jahre alt.“ Das Investitionsvolumen beziffert er mit 7,5 Millionen Euro. Bis der neue Wohnpark steht, soll für den alten bei der Heimaufsicht eine längere Übergangsfrist beantragt werden.

In Ochsenhausen muss das Altenzentrum Goldbach den Vorgaben der Heimbauverordnung angepasst werden. Die Sanierung des bestehenden Gebäudes sei notwendig, obwohl es sich eigentlich in einem guten Zustand befinde, berichtet Metz. Um in einem, wie er sagt, tadellosen Haus 45 von aktuell 72 Plätzen zu erhalten, müsse die Stiftung 4,5 Millionen investieren. Die Zahl der Heimplätze in Ochsenhausen sinkt aber trotzdem nicht, sondern steigt auf 90. Denn neben der Sanierung investiert die Stiftung in ein neues Pflegeheim.

Auch in Laupheim und Riedlingen, wo die Stiftung die Pflegeheime des Landkreises übernommen hat, sind Neubauten geplant. Das Investitionsvolumen: 19 Millionen Euro. Als Grund nennt Metz sowohl die Landesheimbauverordnung als auch die Tatsache, dass die beiden Heime „ohnehin nicht mehr zeitgemäß“ seien.

Mit dem Ziel, die Lebensqualität von Menschen in Pflegeheimen weiter zu verbessern, gehe man völlig einig, sagt Metz über die Heimbauverordnung. Aber die Anpassung der Bestandsbauten bereite Schwierigkeiten. „Fatal“, nennt er die Wohngruppengröße von 15. „Wenn überhaupt, lässt sich das nur mit hohen Umbaukosten machen“, sagt er.

Das aber hat Folgen. Die Pflegeheimbewohner in Ochsenhausen, Biberach, Laupheim und Riedlingen müssen sich wohl auf höhere Preisen einstellen. „Wo wir durch die Landesheimbauverordnung Plätze nicht mehr belegen können, wird es teurer werden“, so Metz. Bei Neubauten stiegen die Preise aufgrund der Investitionen ebenfalls.

Die Charleston Holding mit Sitz in Füssen betreibt drei Pflegeheime im Landkreis: die Häuser „am Gigelberg“ in Biberach, „Schlosspark“ in Warthausen und „Regenta“ in Bad Schussenried mit insgesamt 245 Doppel- und 53 Einzelzimmern. Wie die St.-Elisabeth-Stiftung begrüßt auch Charlestonsprecher Jens Büker das Ziel der Heimbauverordnung, die Lebensqualität von Pflegebedürftigen zu verbessern.

Aber die baulichen Vorgaben seien extrem restriktiv, der Bestandsschutz für ältere Gebäude zu kurz und die Pflicht, nur Einzelzimmer anzubieten, pflegefachlich nicht in allen Fällen angemessen, findet er.

Auch Charleston erfüllt derzeit die Vorgaben der Verordnung noch nicht. Umbaumaßnahmen seien vor allem in Bad Schussenried erforderlich, der Baubeginn erfolge im Sommer, sagt Büker. In Warthausen und Biberach würde die Charleston Holding gerne eine längere Übergangsfrist erreichen.

Ein entsprechender Antrag wurde bei der Heimaufsicht gestellt. Angesichts des relativ jungen Alters der beiden Häuser gehe es um mehrere Jahre, berichtet Büker. „Während dieser Zeit werden durch die Landesheimbauverordnung keine wesentlichen Umbaumaßnahmen erforderlich.“

In Bad Schussenried fallen nach Angaben von Büker durch den Umbau am Ende 23 Plätze weg. Und die Heimbewohner müssen mit höheren Kosten rechnen. Zur Höhe der Preissteigerung könne man noch nichts abschließend sagen, sagt der Charlestonsprecher und verweist auf noch ausstehende Verhandlungen mit dem Kommunalverband für Jugend und Soziales.

Das knapp zwölf Jahre alte Seniorenzentrum Josefspark in Eberhardzell – Gesellschafter sind die Gemeinde und das ZfP Bad Schussenried – verfügt bei 52 Einzelzimmern über lediglich vier Doppelzimmer. „Unser Problem sind nicht die Doppelzimmer, sondern die Vorgabe, dass die Wohngruppen abgeschlossen sein müssen“, sagt Geschäftsführer Hansjörg Ebe. Wenn das Erdgeschoss in zwei abgetrennte Gruppen aufgeteilt werde, müsse ein Aufenthaltsbereich angebaut werden.

Die Folge: Es gäbe dann die Wohngruppe im vorderen Teil mit den beliebten Sitzplätzen am Eingang, wo die Bewohner hinausschauen könnten. Und es gäbe die andere Gruppe hinten, die nur eingeschränkten Ausblick in die Natur böte. „Hinzu kommt, dass die Bewohner sich gerne austauschen und das nicht nur innerhalb einer 15er-Wohngruppe“, weiß Ebe aus Erfahrung.

„Wir haben etwas Gutes und sollen es jetzt wegen der Landesheimbauverordnung ändern“, kritisiert der Geschäftsführer, der mit der Heimaufsicht im Gespräch über eine Verlängerung der Übergangsfrist steht. Ein Anbau sei wirtschaftlich unsinnig, die Investitionskosten würden am Ende höhere Preise bedeuten.

„Ich will die Verordnung nicht verteufeln“, betont er. „Aber man muss doch auf das einzelne Heim und seine Bewohner schauen.“ Die Landespolitik sehe die Verordnung dogmatisch, schildert Ebe seinen Eindruck. Er würde sich wünschen, dass die Einzelsituation mehr im Fokus steht.

Der Biberacher Hospital Zum Heiligen Geist sieht sich gut gerüstet für den 1. September. „Die Hospitalstiftung mit ihren Tochtergesellschaften erfüllt die Anforderungen der Landesheimbauverordnung“, sagt Pressesprecherin Andrea Appel. 2011 wurde im Hospitalquartier der 99 Plätze umfassende Neubau mit dem Konzept „Individuell leben in Wohngruppen“ eingeweiht.

Man habe entsprechend der Heimbauverordnung gebaut, das heiße ein hohes Maß an Wohnlichkeit und Normalität, Einzelzimmer, die geforderten Flächen, maximal 15 Bewohner pro Wohngruppe und großzügige Gemeinschaftsbereiche, sagt Appel. Neben der vorgeschriebenen Küche und einem Hauswirtschaftsraum verfüge jede Gruppe über ein separates Wohnzimmer, statt einem gebe es vier Pflegebäder. All das habe keine Preiserhöhungen zur Folge, so Appel.

So sieht die Situation landkreisweit aus:

In den insgesamt 24 Pflegeheimen im Landkreis gab es 2018 1406 stationäre Pflegeplätze. „Der überwiegende Teil der Träger muss in der einen oder anderen Form etwas machen: An-, Umbau, Neubau oder Reduzierung der Plätze“, sagt Sozialdezernentin Petra Alger über die Einrichtungen im Landkreis.

Etliche Träger wollen nach ihren Angaben Übergangslösungen in Anspruch nehmen. Dazu müssten sie aber Voraussetzungen erfüllen und darlegen, wie es weitergeht in Sachen Landesheimbauverordnung, erklärt Alger.

Dass Heime wie im Nachbarlandkreis Ravensburg wegen der neuen Vorgaben schließen müssen, habe es im Landkreis Biberach nicht gegeben, sagt Petra Alger. Aber zwei kleine Einrichtungen hätten sich in Pflege-WGs umgewandelt.

Die Zahl der Plätze im Landkreis werde durch die Landesheimbauverordnung sinken, schildert Alger die Folgen der Einzelzimmer- und Wohngruppenvorgaben. Zugleich steige demografisch bedingt aber der Bedarf. „Bis 2025 brauchen wir 300 zusätzliche Plätze.“

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