Der Traum vom Fliegen

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Thomas Eiskant ist beim Fliegen voll in seinem Element – der Luft.
Thomas Eiskant ist beim Fliegen voll in seinem Element – der Luft. (Foto: SZ- Jasmin Amend)
Schwäbische Zeitung
Online-Redakteurin

Als das Segelflugzeug polternd auf dem Boden landet, ist mir übel. Etwa 15 Minuten lang hat Thomas Eiskant mit mir Runde um Runde über dem Flugplatz im Biberacher Industriegebiet gedreht. Zu viele Drehungen für mich. Dass Segelfliegen kein sanftes Dahingleiten über den Wolken bedeutet, sondern viele ruckartige Auf- und Abwärtsbewegungen mit sich bringt, habe ich am eigenen Leib gelernt.

Eiskant ist Mitglied in der Abteilung Segelflug des Luftsportvereins Biberach. Der Samstag gehört bei ihm ganz dem Flugsport – entweder als Helfer auf dem Flugplatz oder als Pilot in der Höhe. Seine Leidenschaft für den Segelflugsport hat der 47-Jährige mit 30 entdeckt. „Meine Frau hat mir zum Geburtstag einen Rundflug geschenkt“, erinnert sich Eiskant. Davon war er so begeistert, dass er beschloss, selbst den Flugschein zu machen.

Ein Flug kann mehrere Stunden dauern

Bei optimalem Wetter kann ein Segelflieger viele Stunden lang in der Luft bleiben und Hunderte von Kilometern zurücklegen. Heute ist der Himmel jedoch wolkenverhangen: keine optimalen Bedingungen. Wir müssen unter den Wolken bleiben, darüber wäre es zu gefährlich. Deshalb kommen nur Platzrunden infrage.

Der Start hat es bereits in sich. Wir machen einen Windenstart: Das Flugzeug wird von einem Seil nach vorne gezogen und gewinnt dadurch schnell an Fahrt. Als es genügend Geschwindigkeit erreicht hat, zieht Eiskant den Schaltknüppel zurück und das Flugzeug wird steil nach oben katapultiert. Einige Sekunden lang scheinen wir senkrecht durch die Luft zu rasen. Als die Flughöhe erreicht ist, lenkt Eiskant das Flugzeug in die Horizontale.

In 400 Metern Höhe hat man einen guten Ausblick: Unter uns ziehen das Liebherr-Areal und der Steinbruch vorbei. Schräg unter uns thront die Stadtpfarrkirche inmitten der roten Ziegeldächer der Biberacher Altstadt. Auch das gerade entstehende Neubaugebiet Hochvogelstraße ist gut zu erkennen. Gegenüber schimmert in einiger Entfernung der Federsee. „Bei klarer Sicht können wir von hier bis zum Bodensee, den Alpen und in die Schweiz sehen“, sagt Eiskant.

Der Biberacher ist Segelflieger aus Leidenschaft. Am Fliegen liebt er die Herausforderung. Denn ein Segelflugzeug ist stark von den Wetterverhältnissen abhängig: „Jeder Flug verläuft anders“, sagt Eiskant. „Man kann morgens nicht wissen, wo man abends rauskommt.“ Das Ziel beim Segelfliegen sei es, so weit wie möglich zu kommen. Viele junge ehrgeizige Piloten überschätzten sich daher und müssten auf irgendeiner Wiese notlanden. Eiskant ist da vorsichtiger: „Wenn alles geklappt hat, ist das ein tolles Glücksgefühl“, sagt er, ganz zu schweigen vom „optischen Vergnügen“.

Jedes Mal, wenn wir unter einer Wolke hindurch fliegen, macht der Bordcomputer fiepende Geräusche. „Das bedeutet, dass wir durch eine Luftblase fliegen“, erklärt Eiskant. Unter Wolken sammelt sich Thermik, das ist Luft, die von der Sonne erwärmt wurde und aufgestiegen ist. Die warme Luft gibt dem Flugzeug Auftrieb.

Eiskants Hobby nimmt viel Zeit in Anspruch, mindestens einen vollen Tag pro Woche. „Meine Frau musste sich schon erst mal daran gewöhnen“, sagt Eiskant. Dann habe die Familie aber einen Kompromiss geschlossen: „Der Samstag gehört mir, am Sonntag bin ich ganz für die Familie da.“ Dass Eiskant durch das Fliegen gut abschalten kann, hat auch seine Frau gemerkt: „Mittlerweile sagt sie sogar öfter: ,Geh du mal zum Fliegen. Dann bekommst du eine bessere Laune.’“ Selbst mitfliegen wolle sie aber nicht, sagt Eiskant, das Segelfliegen sei ihr zu wackelig und ruckelig. „Beim Motorsegelfliegen kommt sie aber gerne mit. Da fliegen wir nur geradeaus und sitzen gemütlich nebeneinander.“

Nach einer holprigen Landung bin ich zwar begeistert von der einmaligen Aussicht über Biberach. Ich bin aber auch froh, wieder auf der Erde zu stehen, denn mein Magen rebelliert. „Das passiert öfter mal“, sagt Eiskant und lacht. „Vor allem bei den Beifahrern.“

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