Der Liebe wegen nach Andalusien ausgewandert

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 Claudia Dobler ist vor 15 Jahren nach Sevilla umgezogen. Als Auswandererin sieht sie nicht.
Claudia Dobler ist vor 15 Jahren nach Sevilla umgezogen. Als Auswandererin sieht sie nicht. (Foto: Privat)

Eigentlich wollte Claudia Dobler bereits bei ihrer Ankunft in Sevilla als Fremdenführerin beruflich durchstarten. Doch zunächst sah es so aus, als ob sich dieser Wunsch niemals erfüllen würde. Die Ringschnaiterin ist 2003 nach Spanien ausgewandert, weil sie sich während eines Auslandaufenthalts ins Land und ihren späteren Ehemann verliebt hatte. Bereut hat sie diesen Schritt nie. Auch nicht, als die Finanzkrise ihre berufliche Existenz zunichte machte.

„Manchmal bekomme ich einen Asphalt- und Betonanfall“, sagt Claudia Dobler lachend. Mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen, acht und zwölf Jahre alt, lebt sie im „ersten Speckgürtel“ von Sevilla. Wenn ihr das Grau in der Hauptstadt Andalusiens einmal zu viel wird, freut sie sich ganz besonders darauf, eine Reisegruppe nach Granada zu begleiten. „Bei der Fahrt übers Land sehe ich dann zumindest wieder etwas Grün“, sagt die 44-Jährige. Die grüne Natur, gutes Brot, ein Spaziergang über knirschenden Schnee, eine Fastenbrezel, Familie und Freunde sind die Dinge, die sie am meisten vermisst.

In Sevilla arbeitet sie als Fremdenführerin, zeigt Gästen aus aller Welt zum Beispiel den Königspalast oder die Kathedrale. „Das schöne an meiner Arbeit ist, dass man nie genau weiß, was einen erwartet“, schildert Dobler. Die Gruppen seien nämlich verschieden, die Erwartungen an ihre Tätigkeit entsprechend unterschiedlich. Der eine möchte mehr über die Historie wissen, der andere mehr über die kunstgeschichtliche Einordnung. Ehepaare oder Familien, Schulklassen oder Senioren – Dobler hat schon den unterschiedlichsten Menschen Andalusien näher gebracht: „Der Großteil der Führungen ist in englischer Sprache.“ Deutsch und Spanisch beherrscht sie natürlich auch.

Erst seit 2015 darf Dobler in Spanien als Fremdenführerin arbeiten, weil dafür eine spezielle Lizenz notwendig ist. „Kurz nach meiner Ankunft im Jahr 2003 wurden die Normen geändert, so dass ich mich zwölf Jahre gedulden musste“, erläutert sie. Vor drei Jahren seien die Bestimmungen dann zur ihren Gunsten geändert worden. Untätig war Dobler in dieser Zeit aber nicht. So entwickelte sie zunächst Bildungsprogramme für Schulen.

Deutschabteilung aufgebaut

Doch als 2008 die Finanz- und Wirtschaftskrise über Europa hereinbrach, strich das Kultusministerium die finanziellen Mittel im Bildungssektor zusammen. In der Folge konnten die Schulen ihre Dienstleistung nicht mehr in Anspruch nehmen. „Also habe ich den Master in Deutsch als Fremdsprache absolviert und im Anschluss die Deutschabteilung an einer privaten Sprachschule aufgebaut“, schildert sie. Deutschkurse seien gerade in der Zeit nach der Krise äußerst gefragt gewesen, weil Ingenieure oder Krankenpfleger der Arbeit wegen nach Deutschland auswanderten.

Im Sommer nach Ringschnait

Auch Dobler kommt regelmäßig nach Deutschland – und zwar immer dann, wenn hierzulande die Menschen verreisen. „Zwischen sechs und acht Wochen leben wir in Ringschnait, weil es in den Sommermonaten in Sevilla nicht auszuhalten ist“, sagt sie. Bei Temperaturen jenseits der 40-Grad-Marke könne man tagsüber das Haus nicht verlassen. Möglich ist der Familie der mehrwöchige Aufenthalt in Deutschland, weil die Kinder zehn Wochen Sommerferien haben. „Mein Mann kann aufgrund von Überstunden einen längeren Zeitraum frei machen und ich bin selbständig“, erläutert Dobler, die über eine Wohnung im elterlichen Haus verfügt.

Ob sie sich vorstellen kann, in Ringschnait wieder auf Dauer heimisch zu werden? Vielleicht in ein paar Jahren. Im Augenblick sieht sie ihre Zukunft in Sevilla. Sie hat in all den Jahren – die Wirtschaftskrise macht sich auch heute noch zum Beispiel bei der Infrastruktur bemerkbar – zwar einmal mit dem Gedanken gespielt, Spanien den Rücken zu kehren. „Aber wenn man der Liebe wegen auswandert, bereut man einen solchen Schritt wohl nicht“, sagt Dobler und verweist darauf, dass sie sich nicht als Auswanderin sieht: „Ich bin eine Europäerin, die innerhalb Europas umgezogen ist.“

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