Der Europaskepsis mit Freundschaft entgegenwirken

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Partnerschaftsverein Biberach setzt sich verstärkt für Begegnungen zwischen den Menschen ein
Partnerschaftsverein Biberach setzt sich verstärkt für Begegnungen zwischen den Menschen ein (Foto: dpa)

Es sind schwierige Zeiten, in denen sich der Biberacher Partnerschaftsverein bewegt. Frankreich, Italien, Georgien, Polen und Großbritannien – zu all diesen Ländern hat das Team um den Vorsitzenden Wolfgang Grimm in den vergangenen Jahrzehnten Brücken gebaut. Damit der europakritische Wind, der derzeit durch ganz Europa fegt, diese Brücken nicht einreist, setzen sie vor allem auf eines: Begegnungen zwischen Menschen.

Vor 50 Jahren wurde Biberachs erste Städtepartnerschaft mit der südfranzösischen Stadt Valence besiegelt, seit 40 Jahren gibt es den Partnerschaftsverein Biberach. Das wird in diesem Jahr groß gefeiert – und zwar am ersten Maiwochenende mit mehreren Programmpunkten. Ein Empfang im Rathaus, eine Diskussionsrunde zum Thema „Neue Ideen und Ziele für die Partnerschaftsarbeit“, ein Festabend in der Festhalle Ringschnait sowie ein Break Dance und Hip-Hop Workshop stehen unter anderem an.

Nicht in Grenzen denken

„Unser Ziel war es, über persönliche Begegnungen die Erzfeinschaft zwischen Deutschland und Frankreich während des Zweiten Weltkriegs vergessen zu machen“, sagt Wolfgang Grimm. Mitgeholfen dabei haben auch Schüleraustausche. Hans-Bernd Sick vom Asti-Ausschuss ergänzt: „Junge Menschen denken nicht in Grenzen.“ Einige hielten über die sozialen Netzwerke wie Facebook und Whatsapp über den Austausch hinaus Kontakt.

Im Lauf der Jahre kamen weitere Partnerschaften hinzu: Asti (1981), Telawi (1987), Schweidnitz (1991), Tendring District (1991) und 2003 ein Freundschaftsvertrag mit Guernsey. Doch spätestens mit dem Brexit-Votum in Großbritannien erhielt die Arbeit des Partnerschaftsvereins einen Dämpfer. „Der Brexit beschäftigt uns sehr“, sagt Wolfgang Grimm. In Tendring District stimmten 70 Prozent für den Ausstieg des Königreichs aus der Europäischen Union, erläutert der Vorsitzende des Partnerschaftsvereins. Das passt natürlich nicht zu dem Ziel des Vereins, einen Beitrag für ein geeintes Europa zu leisten. „Wichtigster Bestandteil unserer Arbeit sind offene Grenzen“, erläutert Grimm. Doch nicht nur die Entwicklung auf der Insel sorgt die Verantwortlichen des Vereins. Da sind die Präsidentschaftswahlen in Frankreich in diesem Frühjahr, bei dem der rechtsextreme Front National kräftig mitmischt, und die nationalkonservative Regierung um dem PiS-Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski in Polen. „Dort werden häppchenweise demokratische Rechte abgebaut“, sagt Ludger Semmelmann vom Schweidnitz-Ausschuss. Zum Glück habe die Stadt Schweidnitz mit Beata Moskal-Słaniewska eine europafreundliche Stadtpräsidentin, die den dortigen Partnerschaftsverein unterstütze.

Die Gretchenfrage, die sich der Partnerschaftsverein Biberach jetzt stellt, heißt: „Wie können wir das Auseinanderdriften verhindern?“ Ein Patentrezept haben sie nicht, wollen aber ihre Zusammenarbeit mit den Partnerstädten vertiefen. So kündigte der Vorsitzende der Tendring Twinning Association Joy Phillips an, noch enger mit den Biberachern zusammenarbeiten zu wollen als bisher. „Pessimistisch sind wir noch nicht“, sagt Wolfgang Grimm. Mehr als 70 Jahre Frieden in Europa seien eine Errungenschaft, die man bewahren müsse.

Deshalb wollen sie noch etwas stärker als zuvor auf Begegnungen zwischen Menschen setzen. Was das bewirken kann, haben sie selbst erlebt: „Durch jahrzehntelange Treffen erweitert man seinen Horizont und es entstehen zum Teil enge Freundschaften“, schildert Hans-Bernd Sick seine Erfahrung. Wolfgang Grimm sagt: „Wer sich die Mühe macht, seine Mitmenschen kennenzulernen, merkt schnell: Wir sind alle gleich.“

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