Darum hofft Handtmann auf das IGI Rißtal

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Beengte Verhältnisse: Das Foto zeigt die dichte Bebauung der Firmen Handtmann (rechte Bildhälfte) und Liebherr (links) im Bibera
Beengte Verhältnisse: Das Foto zeigt die dichte Bebauung der Firmen Handtmann (rechte Bildhälfte) und Liebherr (links) im Biberacher Süden zwischen Riß und Bahnlinie. (Foto: UlrichStudios)
Gerd Mägerle

Bis zum Sommer wird aus dem Regierungspräsidium (RP) Tübingen eine Entscheidung erwartet, ob das interkommunale Gewerbegebiet (IGI) im Rißtal überhaupt eine Chance auf Realisierung hat. Das RP muss dafür einem Zielabweichungsverfahren zustimmen. Die Biberacher Unternehmensgruppe Handtmann erhofft sich eine positive Entscheidung. Vor allem der Bereich Leichtmetallguss benötige eine Erweiterungsfläche für künftige Aufträge. Die Firma macht sich allerdings auch Gedanken darüber, wie es weitergeht, sollte das IGI nicht kommen.

Handtmann benötigt für den Unternehmensbereich Leichtmetallguss eine Erweiterungsfläche für neue Aufträge und unterstützt deshalb die Ausweisung des IGI Rißtal. „Die Zeit von einem Auftrag bis zum Liefertermin ist in der Automobilbranche sehr kurz. Wir müssen frühzeitig Gewissheit über neue Produktionsfläche haben, um die benötigten Hallen rasch planen und realisieren zu können“, sagt Michael Hagemann, Geschäftsführer des Handtmann Metallgusswerks.

Alle Möglichkeiten zur Verdichtung seien in den Werkshallen bereits genutzt und ausgereizt worden. Die Suche nach einem neuen Standort sei deshalb unumgänglich: „Nach unseren Analysen ist eine Flächenerweiterung notwendig, wenn wir zukunftsweisende Aufträge aus der Elektroautomobilindustrie erhalten wollen“, so Hagemann. Der Unternehmensbereich Leichtmetallguss setze daher auf die Realisierung des IGI. Aktuell bewirbt sich der Unternehmensbereich zum Beispiel um die Fertigung von Batteriegehäusen für Elektroautos. Für die Bearbeitung der großformatigen Teile seien am Standort Arthur-Handtmann-Straße aber keine Flächen mehr vorhanden.

Rappenhof reicht mittelfristig aus

Im Vorfeld waren mehrere Standorte auf ihre Eignung für ein interkommunales Industriegebiet geprüft worden. Als Ergebnis kam, dass der Standort bei Herrlishöfen am geeignetsten ist. Dass Handtmann dort das etwa 15 Hektar große Rappenhof-Areal besitzt, werten Kritiker des IGI als Zeichen dafür, dass schon lange feststand, dass das Industriegebiet genau dort angesiedelt wird. „Die Eigentumsverhältnisse des Rappenhofs haben nach unserer Kenntnis nicht zu den Bewertungskriterien gezählt“, sagt Jörg Hochhausen, Geschäftsführer der Handtmann Service. Das Gelände sei Handtmann bereits ab 2006 zum Kauf angeboten worden. Im Zuge der Wirtschaftskrise habe man davon aber abgesehen. 2014 habe man den Rappenhof dann als Zukunftsinvestition gekauft. „Wir haben aber die Option offen gelassen, es zum Kaufpreis an die Gemeinde Warthausen zurückzugeben, sollte sich kein Industriegebiet realisieren lassen“, so Hochhausen. Die von Handtmann erworbene Flächen würde ausreichen, den mittelfristigen Bedarf für eine Erweiterung zu decken.

Die Pläne für das IGI werden derzeit allerdings kontrovers diskutiert. Wie berichtet, befürchten Anwohner befürchten Auswirkungen auf ihre Lebensqualität und die Umwelt. Deshalb sieht das behördliche Verfahren unter anderem auch Umweltgutachten und Maßnahmen zur Bürgerbeteiligung vor. „Wenn das IGI realisiert wird, halten wir uns bei einem Neubau natürlich an die bestehenden Richtlinien und Vorschriften“, sagt Thomas Handtmann, Geschäftsführer der Handtmann Holding. „Unser Unternehmen legt aber auch darüber hinaus großen Wert auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Wir wollen zudem einen Bahnhaltepunkt, damit vor allem unsere Mitarbeiter den neuen Standort mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen können und der Verkehr durch Herrlishöfen entlastet wird.“

Gehen bei Handtmann in Biberach viele Arbeitsplätze verloren, sollte das IGI nicht kommen? „Es werden nicht kurzfristig und auf einen Schlag viele Arbeitsplätze wegfallen“, sagt Hochhausen. Das Unternehmen müsse aber auch in Zeiten der Vollbeschäftigung neue Aufträge für Biberach gewinnen, damit die bestehende Belegschaft in Zukunft beschäftigt werden kann. In der Automobilindustrie laufen Aufträge regelmäßig aus. „Wenn wir im Vorfeld nicht für Ersatz gesorgt haben, findet ein schleichender Abbau von Arbeitsplätzen statt – auch in Biberach“, sagt Thomas Handtmann. Wachstum nur um des Wachstums Willen werde nicht betrieben. „Aber wir tragen eine Verantwortung für unsere wirtschaftliche Stabilität, weil damit Arbeitsplätze und die Entwicklung der Region verbunden sind“, so Handtmann. Die Unternehmensgruppe beschäftigt am Standort Biberach derzeit rund 2500 Mitarbeiter.

Handtmann hoffe darauf, an einem weiteren Standort rund um Biberach bauen und dort neue Aufträge bearbeiten zu können. „Wie und ob das Industriegebiet bei Herrlishöfen realisiert wird, entscheidet das Genehmigungsverfahren – dessen Ergebnis werden wir akzeptieren, wie auch immer es ausfällt“, sagt Thomas Handtmann.

Falls die Firma bei Biberach keinen geeigneten Standort für Erweiterungsflächen findet, müssen kommende Aufträge notgedrungen an anderen europäischen Unternehmensstandorten angesiedelt werden. Auch darüber macht sich das Unternehmen bereits Gedanken. Passende Flächen seien in Annaberg (Sachsen) und in Košice (Slowakei) bereits vorhanden. Auch über weitere Optionen denke man nach, so Hochhausen: „Viele Mitbewerber ziehen neue Produktionshallen bevorzugt in der Nähe des jeweiligen Kunden hoch – zur Vermeidung langer Lieferwege und der damit verbundenen Kosten.“

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