Brexit-Chaos schweißt Städte zusammen

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In Tendering wie in Biberach schauen die Partnerschaftsvereine besorgt und ratlos auf den geplanten Austritt Großbritanniens aus
In Tendering wie in Biberach schauen die Partnerschaftsvereine besorgt und ratlos auf den geplanten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. (Foto: dpa/Tim Ireland)

Brexit-Chaos und kein Ende – die Briten wollen die Europäische Union verlassen. Doch weiterhin ist unklar, wie das passieren soll. Fast täglich gibt es neue Entwicklungen, die auch Christa Baumgärtner aufmerksam verfolgt. Sie ist die Vorsitzende des Tendring-Ausschusses im Verein „Städte Partner Biberach“: „Ich beobachte das Brexit-Chaos mit wachsender Besorgnis.“ Dennoch bleibt sie optimistisch, dass es keinen harten Brexit gibt.

Seit 1991 besteht die Partnerschaft zwischen Biberach und dem Bezirk Tendring-District. Mehr als 130 000 Menschen leben dort. Heute ist Tendring vor allem Tagungsort, Ziel von Kurzurlaubern aus der Metropole London und beliebt als Wohnsitz nach der Pensionierung. Auch, weil die Region für ihre Sonnenküste bekannt ist. Als es vor fast drei Jahren um die Frage „In der EU bleiben oder nicht?“ ging, stimmten die Menschen dort deutlich für den Brexit. Würden die Einwohner heute erneut so abstimmen?

„Ich würde sagen, dass sich viele Menschen im District der Konsequenzen eines Brexits nicht bewusst waren“, vermutet Baumgärtner. „Vielleicht wäre das Wahlergebnis heute ein anderes.“ Aber man müsse sich auch fragen, warum es überhaupt zu einem Referendum kam: „In der EU wurden wichtige Themen auf die lange Bank geschoben.“ Die Migrationsfrage habe tiefe Besorgnis und Ängste bei den Menschen geweckt, was die Populisten zu ihrem Vorteil genutzt hätten.

Inzwischen dürfte vielen klar geworden sein, zu welchen wirtschaftlichen Auswirkungen eine Isolierung führen kann, wie Baumgärtner schildert. „Die jungen Menschen, die nicht gewählt haben, würden nach all den Informationen heute sicherlich wählen gehen.“ Ein Großteil der Jugendlichen sei nämlich für die EU.

Der EU-Austritt Großbritanniens ist für den 29. März vorgesehen, also in rund acht Wochen. Sowohl das europäische als auch das britische Parlament wollen einen harten Austritt ohne Vertrag vermeiden. „Das heißt, man muss in vielen Punkten noch einmal aufeinander zugehen, den Vertrag nochmal überarbeiten und einen Kompromiss finden“, appelliert Baumgärtner. „Die großen Themen Europas sind nur gemeinsam zu lösen.“

Die Partnerschaft zu Tendring werde durch das Gezerre um den Ausstieg nicht belastet, so die Vorsitzende. „Aber allein das Thema nervt beide Seiten inzwischen – unsere Freunde in Tendring genauso wie uns.“ Das zeigt auch das Beispiel der Vorsitzenden aus Tendring District, Joy Phillips. Sie meidet die „Brexit“-Debatten – egal, ob im TV, Radio oder in der Zeitung.

Joy Phillips hatte damals gegen den Brexit gestimmt und hält den Ausstieg weiterhin für den falschen Weg. Aber: Das Ergebnis sei zu akzeptieren, weil man in einer Demokratie lebe. Die britische Regierung jedoch habe nicht ihre demokratische Verantwortung verstanden, einen guten Deal auszuhandeln. Sie glaubt nicht, dass ein weiteres Referendum oder Wahlen eine Veränderung bringen würden.

Bei all der Ungewissheit, wie es weitergeht, scheint die Debatte aber auch Positives mit sich zu bringen. „Die freundschaftlichen Beziehungen werden durch den Brexit nicht beeinflusst – irgendwie schweißt uns das eher noch enger zusammen, weil wir ähnliche Meinungen dazu haben“, sagt Baumgärtner. Dennoch könnte die Zusammenarbeit, gemeinsame Projekte und gegenseitige Besuche etwa, durch Zölle und Auflagen sowie erhöhtem administrativen und finanziellen Aufwand erschwert werden.

Europa stärken

Umso mehr müsse jetzt gemeinsam an der Stärkung Europas weitergearbeitet werden, erläutert Baumgärtner. „Europa kann nur durch eine intensive Zusammenarbeit der Länder erfolgreich sein. Die Rolle der Städtepartnerschaften werde also umso wichtiger.“ Daher wolle man auch in diesem Jahr wieder viele Veranstaltungen mit dem Tendring District auf den Weg bringen. Sie bleibt nach eigener Aussage optimistisch und ist sich sicher, dass es neue Verhandlungen geben oder gar der Brexit-Termin verschoben wird.

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