Bogotá statt Bronnen – ein extremer Tapetenwechsel

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Es sollte eine „gewöhnliche“ Weltreise werden – und es wurde ein Trip in ein neues Leben: Mike Spielberger aus Bronnen lernte im Sommer 2012 in Asien die Kolumbianerin Angela Maria kennen und zog schließlich zu ihr nach Bogotá. In der 12-Millionen-Einwohner-Metropole und Hauptstadt Kolumbiens haben die beiden geheiratet und eine Familie gegründet.

„Vor sechseinhalb Jahren“, erzählt Mike Spielberger, habe er einen Entschluss gefasst: „Ich war damals auch schon 30 und wollte etwas Spannendes machen, von dem ich hinterher meinen Freunden erzählen kann.“ Also kündigte er seinen Job, kratzte sein Erspartes zusammen und startete eine Weltreise: „Mit einem Kumpel bin ich erst für ein paar Wochen in die USA und nach Kanada und dann alleine nach Australien gereist.“ Anschließend zog er weiter nach Thailand – in Begleitung eines Spaniers, der gerne mal mit spanisch sprechenden Mädels angebändelt hat. „Mich hat das zu dieser Zeit gar nicht so interessiert“, behauptet Spielberger. Und doch brachen die beiden zusammen mit der Kolumbianerin Angela Maria, deren Schwester und Tante zu einer Drei-Tages-Wanderung durch asiatische Wälder auf. „Ich habe schon gemerkt, dass es gut funktioniert zwischen Angela und mir“, erzählt Mike Spielberger.

Danach seien sie zwar wieder getrennte Wege gegangen, „aber nach zwei Wochen hat sie mir geschrieben, dass sie in Singapur sei. Ich war zufällig auch dort. Wir waren zusammen Essen, sind dann wieder getrennt weitergereist, bis wir uns in Kuala Lumpur erneut getroffen haben. Dann haben wir begonnen, erste gemeinsame Pläne zu schmieden“. Am 20. Dezember 2012 – an das Datum erinnert er sich noch sehr genau – habe sie ihn schließlich gefragt, ob er zu ihr nach Kolumbien kommen will. „Dabei wollte sie eigentlich nichts mehr mit einem Ausländer anfangen. Sie hatte zuvor zehn Jahre in Paris gelebt und genügend Franzosen kennengelernt. Sie war fest entschlossen, in die Heimat zurückzukehren und dort einen Kolumbianer zu heiraten.“

Stattdessen wurde es ein Schwabe. „Ich habe an Weihnachten meine Eltern, bei denen ich bis zu meiner Weltreise gewohnt hatte, mit der Nachricht konfrontiert, dass ich nach Kolumbien gehen werde. Sie waren überrascht, haben sich aber gefreut“, erzählt Spielberger. An Silvester packte er seine Koffer und wagte den Tapetenwechsel. „Ich hatte ja nichts zu verlieren: Ich hatte keinen Job, keine eigene Wohnung, kein Auto – gar nichts. Ich war total frei.“ Und total verknallt. „Natürlich war es schwer, meiner Familie und meinem Fußballverein den Rücken zu kehren, weil mir beides sehr wichtig ist. Aber ich wusste ja, dass ich jederzeit zurückkehren könnte.“

Allen Warnungen getrotzt

Logisch, dass ihn seine Freunde erstmal für verrückt erklärten: „Alle haben gesagt: Wie kannst du in so ein unglaublich gefährliches Land gehen? Escobar, Drogen, Guerilla, Krieg.“ Auch das Auswärtige Amt habe damals vor Reisen nach Kolumbien gewarnt, zumindest vor einigen Regionen. „Aber ich habe mich darauf verlassen, dass ich eine Freundin habe, die sich auskennt.“ Wie sich herausstellte, kannte sich seine Freundin nicht besonders aus. „Sie war ja zehn Jahre weg gewesen.“ Und deshalb sind die beiden erstmal ein paar Wochen durchs Land gezogen, ehe sie sich bei Angela Marias Eltern in Bogotá niederließen. „Das gab auch mir noch etwas Zeit, über meine Entscheidung nachzudenken.“

Es blieb dabei. Auch deshalb, weil ihn Angelas Eltern herzlich aufgenommen haben. „Und das, obwohl sie eine sehr christliche Familie sind. Da war es natürlich nicht der Knüller, dass die Tochter einen Freund von der Weltreise mitbringt, der auch noch bei ihr pennt“, sagt Mike Spielberger. Seinen Integrationswillen zeigte er freilich damit, dass er einen dreimonatigen Spanischkurs besuchte und einen von Angelas Vater vermittelten Job annahm bei einer Firma, die Medizinprodukte aus China imporierte. „Ich habe in Deutschland eine normale Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann gemacht. Aber in Kolumbien, wo das Bildungsniveau insgesamt nicht so hoch ist, zählt das wie ein Studium.“ Angela selbst arbeitete in der Firma ihres Vaters, der in Bogotá ein Diagnostikzentrum für Labor- und Röntgenuntersuchungen aufgebaut hat. „Ein riesiges Unternehmen mit über 3000 Mitarbeitern“, berichtet Mike Spielberger. „Es bietet der armen Bevölkerungsschicht Kolumbiens – und das sind etwa 90 Prozent – die Chance, extrem günstig Untersuchungen machen zu lassen.“

Auch Spielberger selbst arbeitet mittlerweile dort. Er ist für den Aufbau neuer Standorte zuständig. „Es ist ein großer Vertrauensbeweis der Familie, mir diese Aufgabe zu übertragen“, weiß er. Denn in diesem Bereich gebe es extrem viel Korruption und Betrug: „Aber Angelas Vater weiß: Bei mir braucht er sich da keine Sorgen zu machen. Ich wäre ja völlig verrückt, wenn ich irgendwelche krummen Dinger drehen würde.“

Fernab von Kriminalität

Denn dank der gut bezahlten Jobs gehört Mikes Familie – im Februar 2016 kam Tochter Elena zur Welt – zur oberen Bevölkerungsschicht des Landes. Und so können sie sich ein 160 Quadratmeter großes Appartement samt Haushälterin im Norden Bogotás leisten – fernab der gefährlichen Armenviertel der Stadt. „Es geht uns unfassbar gut. Wir können zu Fuß zur Arbeit und brauchen uns daher nicht durch das Verkehrsdesaster quälen. Unsere Tochter geht in einen privaten Kindergarten und später in eine private Schule, denn die staatlichen Schulen sind sehr schlecht“, berichtet Spielberger. Auch mit Verschmutzung und Kriminalität sind er und seine Familie nicht konfrontiert, obwohl er natürlich weiß, wie es in den entsprechenden Vierteln zugeht. „Da muss ich dann grinsen, wenn ich in Laupheimer Facebook-Gruppen lese, dass sich wieder jemand über ein paar Scherben auf der Straße aufregt. Die sollen mal zwei Wochen hierherkommen.“

Apropos herkommen: Seine Eltern haben ihn schon häufiger besucht, und auch seine Fußballfreunde waren schon da. „Zu unserer kirchlichen Hochzeit im August 2014 kamen etwa 30 Leute aus Bronnen. Der halbe Sportverein war da. Eine sensationelle Geschichte. Damit hatte ich nicht gerechnet“, schwärmt Mike Spielberger noch heute.

Danach ging das frisch vermählte Paar für vier Wochen auf Hochzeitsreise – ehe „der Ernst des Lebens“ begann, wie Spielberger es ausdrückt. Beide hängten sich in Vollzeitjobs rein, und in Kolumbien bedeutet dies: 50-Stunden-Woche und nur 15 Urlaubstage. „Das ist schon hart. Der Arbeitnehmerschutz ist relativ schwach“, berichtet Mike Spielberger. Erholung suchen die drei bei Kurztrips in der Umgebung, die wunderschöne Landschaften zu bieten habe. „Einmal im Jahr versuchen wir auch, nach Bronnen zu kommen“, fügt Spielberger an. Bei seinem Heimatverein, den Sportfreunden, wird er sogar noch im Kader der Reserve- und AH-Mannschaft geführt. „Da durfte ich auch schon mitkicken“, erzählt er. Der letzte Einsatz liege aber schon länger zurück. Dafür meisterte er im Januar dieses Jahres in Orlando seinen ersten Marathon.

Der Spätzleshaker hilft

Was ihm in Kolumbien fehlt? „Meine Familie und meine Freunde. Der Fußballverein war halt fast mein komplettes Leben“, sagt Mike Spielberger. Und wie schmeckt das Essen? „In Kolumbien gibt es leckere Suppen, ansonsten ist es eher Durchschnitt.“ Dafür gebe es sehr gute Restaurants in Bogotá. „Und ich versuche unserer Haushälterin, auch deutsche Gerichte beizubringen. So habe ich ihr extra einen Spätzleshaker besorgt. Das kriegt sie ganz gut hin.“ Glück hat Mike Spielberger mit dem Wetter, denn im Gegensatz zum tropischen Klima im restlichen Land sind die Temperaturen im auf 2800 Metern Höhe gelegenen Bogotá das ganze Jahr über deutlich angenehmer: „Es hat immer etwa 17 bis 21 Grad, und es regnet auch viel. Deshalb nennt man Bogotá auch ,Kühlschrank Kolumbiens’.“ Gar nicht kühl, sondern eher warmherzig, fleißig und weltoffen seien die Menschen im Land. „Die Leute sind sehr bemüht, ihr Land nach vorne zu bringen“, sagt Mike Spielberger.

Und der 38-Jährige selbst ist überzeugt, dass er noch lange Zeit dort leben wird: „Ich fühle mich sauwohl hier. Bogotá ist mein Lebensmittelpunkt, und daran wird sich so schnell auch nichts ändern.“ Dafür spricht auch die Familienplanung: In diesen Tagen erwartet Angela Maria das zweite Töchterchen.

Wer Ausgewanderte aus der Region kennt oder selbst einer ist, darf sich gerne melden per Mail an: redaktion.laupheim@schwaebische.de

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