Biberacher Filmfestspiele enden mit Besucherrekord

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Freude bei Produzent Frank Geiger (2. v. l.): Sein Film „45 Minuten bis Ramallah“ erhielt sowohl den Goldenen Biber als auch den (Foto: Kliebhan)
Schwäbische Zeitung

Mit einem neuen Besucherrekord sind am Sonntagabend die 35. Biberacher Filmfestspiele zu Ende gegangen. 13250 Zuschauer kamen zu den rund 60 Filmen. Bei der zweistündigen Gala in der Stadthalle wurden am Abend die Preise verteilt. Der Spielfilm „45 Minuten bis Ramallah“ ist dabei gleich doppelt ausgezeichnet worden.

Er bekam den Goldenen Biber und damit den mit 5000 Euro höchstdotierten Preis. Auch der Publikumsjury hat dieser Film am besten gefallen. Die Hauptjury mit Schauspielerin Lena Reichmuth als Vorsitzender zeigte sich beeindruckt von dem Mut des Regisseurs und Produzenten Ali Samadi Ahadi, „sich einem politisch, gesellschaftlich und religiös anscheinend nicht zu bewältigenden Problem, wie dem Konflikt um Palästina, mit den Mitteln der Komödie zu nähern“. Der Film brächte leichtfüßig und frech das Publikum zu lachen und ließe es gleichzeitig erschauern. Im Film bringen zwei Brüder ihren toten Vater zum Friedhof – in kriegerischem Umfeld.

Die Publikumsjury mit Georg Schedereit im Vorsitz zeigte sich ebenfalls beeindruckt von diesem Gegensatz: „Die Leichtigkeit, der Esprit, das Tempo dieses brillanten Spagats zwischen Realismus und Sarkasmus – das fanden wir unglaublich.“

Produzent Frank Geiger, der beide Preise entgegen nahm, war bei der Verleihung überglücklich: „Es ist wirklich sensationell, wenn man Jury und Publikum überzeugen kann.

Den Biber für den besten Fernsehfilm bekommt Johannes Fabrick für „Pass gut auf ihn auf“. „Ehrlich. Mutig. Zärtlich“, beschreibt ihn die Jury – ein Film, der dahin zieht, wo es weh tut. Die Protagonistin bekommt die Diagnose Krebs – sie hat nur noch wenige Wochen zu Leben. Ohne jemandem etwas zu verraten, versucht sie, den Vater ihrer Zwillinge wieder mit seiner Ex-Frau und damit seiner früheren Familie zusammen zu bringen. „Ein Schauspielerensemble, bei dem jeder Blick und jede Geste stimmt“, erklärt die Jury. Ohne Heldentum, „sondern schmerzhafte notwendige Entwicklung jeder einzelnen Figur und darin Mut machend. Jedes Bild eine Komposition.“

Als die beste Dokumentation zeichnet die Jury „Anatomie des Weggehens“ von Serban Oliver Tataru aus. Der Film erzählt die autobiografische Geschichte der Emigration einer Familie aus Rumänien zur Zeit des Diktators Ceausescu Ende 1989. Der Filmemacher spürt „eindringlich mit sparsamen filmischen Mitteln“ den Gründen seiner Eltern nach – in einem sehr persönlichen Gespräch. „Die Antworten der Eltern auf die drängenden Fragen des Sohnes bringen uns die seelischen Verletzungen in einem diktatorischen Staat nahe.“

Die Schülerjury hat sich für den Spielfilm „Frei“ von Bernd Fischerauer als besten Film entschieden. Leicht fiel die Entscheidung offenbar nicht. Als zweiten Film hat die Schüler „Jeder Tag zählt“ in den Bann gezogen. Die Entscheidung fiel jedoch für „Frei“, weil der Film in der Gesamtheit überzeugender war. Im Film muss ein ehemaliger SS-Führer nach 1945 im argentinischen Exil zwischen seiner Liebe, einer jüdischen Musikerin, und seinen Nazi-Freunden wählen. Die Jury begründet ihre Entscheidung mit der „immer aktuellen Thematik, dem Nationalsozialismus, die scheinbar unmögliche, nicht tolerierbare Beziehung zwischen zwei Menschen.“ Besonders beeindruckt habe die „Darstellung des Bösen mit einem hellem Antlitz.“ Diese Auszeichnung freue ihn ganz besonders, sagte Regisseur Bernd Fischerauer: „Er kommt von jungen Menschen, für die wir unsere Filme machen. Es ist, glaube ich, der schönste Preis, den ich je bekommen habe.“

Der Debütbiber geht dieses Jahr an den Spielfilm „Mystery Cache“ von Philipp Dettmer. Der Film zeige, „dass man mit wenig Geld, aber viel Phantasie und Mut, sein Publikum großartig unterhalten kann“. Der Film sei „eine mutige Schnitzeljagd des digitalen Zeitalters.“ Der Film biete tolle Bilder, viel Spannung und eine Mischung aus Thriller, Abenteuer- und Vampirfilm.

Der Kurzfilmbiber geht an „Ich hab noch Auferstehung“ von Jan-Gerrit Seyler. Marco und Lisa sind verliebt und bekämpfen online gemeinsam Monster. Lisa will kein echtes Treffen und als sie auch noch das Spielen aufgibt, fängt Marco an, sie zu suchen. Dem Hauptdarsteller gelängen „Emotionen ohne Pathos mit wenigen Worten, Gesten und Blicken.“ Der Film ließe „berührende Augenblicke einer ersten Liebe miterleben, die tragischerweise nur von kurzer Dauer, aber dafür umso kostbarer ist.“ Ein Meisterwerk, das es schaffe „mit seiner zarten Schönheit einen ganzen Kinosaal zu Tränen zu rühren.“

Der Ehrenbiber wird an Edgar Reitz verliehen, der derzeit mit seinem Film „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ von sich Reden macht. Intendant Adrian Kutter entschied sich für ihn, weil er zum Kreis derjenigen gehört, die sich um den Deutschen Film verdient gemacht haben – und die Idee für ein Familientreffen deutscher Filmemacher in Biberach hatten. Damit gehört er zu denjenigen, die die ersten Biberacher Filmfestspiele aus der Taufe hoben. Er feierte vor zwei Tagen, am 1. November, seinen 81. Geburtstag.

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