Biberacher brachte einst die Eisenbahn ins Donautal

Lesedauer: 7 Min
Bei Rechtenstein wurde für die Eisenbahnlinie eine Stahlbrücke über die Donau gebaut.
Bei Rechtenstein wurde für die Eisenbahnlinie eine Stahlbrücke über die Donau gebaut. (Foto: Fotos: Archiv Hermann Illenberger)
Hermann Illenberger

Vor 150 Jahren, im Sommer 1868, begann der Bau der Eisenbahnstrecke zwischen Ehingen und Riedlingen. Im gesamten Königreich Württemberg wie auch in ganz Deutschland wurde der Eisenbahnbau seit Mitte des 19. Jahrhunderts voran getrieben. Leitender Eisenbahnbau-Ingenieur bei der Donautalbahn und auch bei andere Strecken in Württemberg war der aus Biberach stammende Josef Schlierholz.

Er war ein Abkömmling der Biberacher Baumeisterfamilie Schlierholz. Er wurde im Dezember 1817 in Biberach geboren. Schlierholz besuchte zunächst die Gewerbeschule in Stuttgart und wechselte 1838 an die Bauakademie in München und das dortige Polytechnikum. Nach einer Anstellung in Calw ging er 1845 zu den Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen, wo er zunächst Inspektor, ab 1862 Baurat und schließlich Direktor war. Ab 1867 leitete er den Bau der Donautalbahn. Dabei setzte er für den Hochbau in großem Umfang Beton ein. Hintergrund dafür war die Kostenersparnis und die leichte Verfügbarkeit von Beton aufgrund der Zementfabriken in Ulm.

1078 Kilometer Bahnlinie

Auch außerhalb des Eisenbahnbau war der begabte Ingenieur und Architekt an Hochbauten im Königreich Württemberg tätig, so zum Beispiel beim Bau der „Irrenanstalt“ in Zwiefalten und Tübingen sowie der Synagoge in Laupheim tätig. An der Uni Tübingen hat er den Lehrauftrag für Baukunde, Hoch-, Eisenbahnbau-, Straßen-und Wasserbau. Im Auftrag des Königreich Württemberg plante und leitete von Schlierholz selbst den Bau von Pfarr- und Forsthäuser und vielen Privathäusern und sogar die Bauplanung einer Kohlebahn in Mähren, in der heutigen Tschechei. Aber seine Hauptarbeit war die Planung und Bau vieler Königlich Württembergischen Eisenbahnen in einer Gesamtlänge von 1078 Kilometern.

Den Personaladelstitel „von“ wurde Josef Schlierholz im Jahre 1874 von König Karl verliehen. Viele weitere Ehrungen, Ehrenbürgerschaften, Orden und Auszeichnungen wurden von Schlierholz in seinem 90-jährigen öffentlichen Leben verliehen. Schlierholz starb im Mai 107 in Stuttgart. Dort sowie auch in Biberach ist jeweils eine Straße nach ihm benannt.

Bahn statt Schifffahrt

Zurück zu Schlierholz’ Arbeit vor 150 Jahren in der Region: In den 1840er Jahren wurde in der Donaugegend noch die Schiffbarmachung geplant. Doch ab den 50er-Jahren wurden die Planungen fallengelassen und der Eisenbahnbau gewann im ganzen Land die Oberhand. So auch die Streckenführung von Ulm über das Blautal, Achtal, Schmiechtal zum Donautal über Ehingen, Riedlingen, Herbertingen, Mengen nach Sigmaringen. Der Kostenvoranschlag lag bei zwölf Millionen Gulden.

Jetzt aber ging es um Detailstrecken mit verschiedenen Trassenwünschen möglicher Ortsanschlüsse an die Bahn. Es lagen mehrere Streckenvarianten in der Planung vor. Variante 1 sollte von Rottenacker nach Emerkingen ins Dobeltal über Unterwachingen, Dobel, Dietelhofen, Möhringen, Unlingen nach Riedlingen führen. Diese Strecke hat eine Länge von 20 Kilometern und kostet 2,9 Millionen Gulden.

Die zweite Variante sah eine Strecke von Rottenacker nach Munderkingen über das linke Donauufer nach Untermarchtal, Rechtenstein, Zwiefaltendorf, Unlingen nach Riedlingen mit einer Streckenlänge von 25 Kilometer und Kosten in Höhe von 4,5 Millionen Gulden. Die güsntigere Variante 1 über das Dobeltal stellten deren Anlieger und dadurch Befürworter klar heraus. Die Kosten über eine Donautalstrecke am linken Donauufer wurden besonders durch die erforderlichen Brückenbauten über die Donau und Lauter in die Höhe getrieben.

Empfang mit „Hoch“-Rufen

Der endgültige Beschluss zugunsten der Donautalbahnstrecke fiel im Stuttgarter Landtag im Juni 1865. Schon am 28. Juli 1865 bereiste Außenminister Freiherr Karl von Varnbühler zusammen mit Schlierholz und weiterem Gefolge die geplanten Strecken für Donautalbahn und Zollernbahn. In Munderkingen angekommen, fuhren sie unter den „Hoch“-Rufen der Einwohner und den Klängen der „Königs-Hymne“ zum Denketwäldchen und dem ehemaligen Schlossfelsen auf Markung Untermarchtal und begutachteten die künftige Streckenlinie bis Neuburg. Im Obermarchtaler Schlossgarten wurde die Streckenlinie von Rechtenstein bis Zwiefaltendorf festgelegt.

Fast täglich Verletzte

Im Juli 1868 wurde mit dem Eisenbahnbau auf Markung Untermarchtal-Algershofen begonnen. Am 28. November 1868 stand der erste Spatenstich an. Die Anzahl der Fremdarbeiter überwog beim Bau in Untermarchtal. In historischen Berichten über den Eisenbahnbau sind besonders jene aus Bayern, Tirol, Böhmen, dem Trient und Italien erwähnt. Die Arbeitsbedingungen waren sehr primitiv, einfach und sehr gefährlich. Fast täglich gab es Verletzte, besonders bei Felssprengungen.

Am 1. September 1869 wurde mit dem Bau der Haltestation Untermarchtal begonnen. Am 10. Oktober 1869, am Tages des Riedlinger-Gallusmarkts, wurde die Teilstrecke der Eisenbahnstrecke Riedlingen - Herbertingen - Mengen mitsamt den Bahnhöfen an der Strecke feierlich eröffnet. Dem Biberacher Eisenbahnpionier zu Ehren wurde beim Einschnitt des Algershofer- und Denketwald bei Bahn-Kilometer 47,064, ein Denkmal in den Fels gehauen mit der Aufschrift:„Oberingenieur J. Schlierholz 1870“.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen