Avantgarde in überzeugender Fusion

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Das Sirius Quartet gab zusammen mit Trompeter Joo Kraus (l.) ein beeindruckendes Konzert im Biberacher Jazzkeller.
Das Sirius Quartet gab zusammen mit Trompeter Joo Kraus (l.) ein beeindruckendes Konzert im Biberacher Jazzkeller. (Foto: Helmut Schönecker)
Schwäbische Zeitung

Jazz und Musik der Postmoderne aus der „neuen Welt“ haben das heimische Jazzclub-Publikum vor ausverkauftem Haus bei einem höchst ungewöhnlichen Freitagskonzert im Jazzkeller verzaubert. Das weitgereiste „Sirius Quartet“ aus New York um den aus Ravensburg stammenden Geiger und Komponisten Gregor Huebner, kongenial ergänzt durch den Ulmer Jazztrompeter und Echopreisträger Joo Kraus, überwanden einmal mehr alle stilistischen Grenzen und fanden im lebendigen, multikulturellen Miteinander das überzeugend Neue.

Besonders in dem mit dem ersten Preis ausgezeichneten Wettbewerbsbeitrag der von den New Yorker Philharmonikern zum 175. Jubiläum 2017 ausgelobten „The New World Initiative“ unter Verwendung des berühmten Themas aus dem zweiten Satz von Antonin Dvoraks Symphonie „Aus der neuen Welt“ gelang es dem siegreichen Komponisten Gregor Huebner mit seinem Streichquartett die Tradition überzeugend zu erneuern. Das zu verwendende Pflichtthema aus Dvoraks 1893 in New York uraufgeführter 9. Symphonie erschien mal mehr, mal weniger versteckt in den verschiedenen Stimmen um immer wieder in den Bann des Neuen zu geraten und integriert in wechselnden Strukturen neue Kraft zu entfalten. Die zupackende Dynamik und außerordentliche Expressivität des Werkes entstand – so Huebner in einer knappen Anmoderation – auch unter dem durchaus frustrierenden Eindruck von Trumps Wahl zum US-Präsidenten, die just während Huebners Arbeit an der Komposition erfolgte.

Ein buntes Kaleidoskop von Eigenkompositionen und Arrangements bekannter Standards traf darüber hinaus offenbar genau den Publikumsgeschmack. Ob Huebners Eigenkomposition „Knives Out“ oder dessen Arrangement von Ann Peebles schließlich durch Tina Turner bekannt gewordener Megahit „I can’t stand the rain“, ob eine Bearbeitung von Stings zeitlosem Evergreen „Englishman in New York“, Huebners Eigenkomposition „Heal“, eine Metamorphose des Beatlestitels „Eleanor Rigby“ oder auch Joo Kraus Arrangement von Horace Silvers „Peace“ – die Stücke trafen immer den Nerv der Zuhörer.

Von Komposition bis Interpretation

Eine breite Palette an Spieltechniken, vom Streichen, Zupfen, Klopfen oder Kratzen in mal eher flächigen, mal polyphon-linienhaften dann wieder in rhythmisch zupackenden Strukturen sorgten für Kurzweil und Ausdruckstiefe. Ob Komposition, Interpretation, Neubearbeitung oder Improvisation – die Künstler beherrschten all dies auf dem Effeff.

Joo Kraus, dessen weicher Trompeten- oder Flügelhornklang sich überraschend gut mit den transparenten und klaren Streicherklängen mischte, zeigte sich auch für die elektronische Abteilung zuständig. Digitales Sampling von Instrument, Stimme oder Beatboxing aus dem in Echtzeit gefüllten Datenspeicher wurden organisch in die Stücke einbezogen. Eine optische Linse zur Klangmanipulation führte dabei immer wieder zu überraschenden, ja exotischen Klangfarben.

Fung Chern Hwei (1. Violine), Gregor Huebner (2. Violine), Ron Lawrence (Bratsche) und Jeremy Harman (Cello) formten aus dem klassischen Streichquartett einen zeitgenössischen Klangkörper, zu dessen herausragendem Alleinstellungsmerkmal die heute kaum mehr praktizierte Kollektivimprovisation zählt. Als beeindruckendes Beispiel hierfür diente die zweite Zugabe. Sie erfolgte ohne vorherige Absprache, völlig spontan, sogar „ohne Takt- und ohne Tonart“ – was zunächst nicht nur Joo Kraus zu verblüffen schien – und führte schließlich zu einer künstlerischen Preziose, die das Publikum zur völligen Verzückung und rauschendem Schlussapplaus animierte.

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