Angst vor Abschiebung: Gastfamilien schreiben offenen Brief

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In den vergangenen Jahren sind viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Einige werden in ihre Herkunftsländer abgeschoben, weil diese von der Bundesregierung als sicher oder teilweise sicher eingestuft werden. Auch Afghanistan gehört dazu. Abschiebungen nach Afghanistan kritisieren viele Organisationen. Einige Biberacher haben jetzt einen offenen Brief geschrieben, um auf die Probleme junger Flüchtlinge in Deutschland aufmerksam zu machen. Darin kritisieren sie unter anderem die Abschiebungen nach Afghanistan…

„Aus Willkommenskultur wird Abschiebewillkür“ – so lautet der Titel des offenen Briefs, den einige Gastfamilien aus dem Landkreis Biberach an elf Politiker geschickt haben.

Sie wollen nicht länger still sein und mit ihren Sorgen und Ängsten an die Öffentlichkeit gehen. Sie kritisieren die Abschiebepolitik, insbesondere bei Afghanen. „Wir sind wütend und fühlen uns von der Politik im Stich gelassen“, sagt Mabel Engler, Vorsitzende des Kinderschutzbunds und selbst Gastmutter von zwei jungen Flüchtlingen. „Afghanistan als sicheres Herkunftsland zu bezeichnen, geht gar nicht.“

Sie verweist im Gespräch mit der SZ auch auf die jüngsten Ereignisse in Kabul. In der afghanischen Hauptstadt ist am Mittwoch eine Autobombe explodiert, mindestens 90 Menschen sind gestorben. „Es sind auch wieder jede Menge Flüchtlinge abgeschoben worden und passend dazu gab es viele Demonstrationen in Deutschland.“ Vonseiten der Politik müsse da schnell etwas getan werden: „Ich weiß, wir können hier keine Gesetze ändern“, sagt Engler. „Wir wollen aber die, die es können, darauf aufmerksam machen.“

Angst wirkt sich auf Psyche aus

„Die Jugendlichen, die bei uns leben, sind Teil der Familie geworden. Es ist schrecklich, mitansehen zu müssen, wie viel Angst sie vor Abschiebung haben“, sagt Engler. „Das wirkt sich auf die Psyche aus. Wie sollen sie motiviert sein, in die Schule zu gehen, zu lernen und sich zu integrieren, wenn sie jeden Tag Angst haben, dass sie ihr neues Zuhause verlassen müssen?“ Viele hätten auch mit Selbstmordgedanken zu kämpfen.

Der dreiseitige Brief ging per Post am 6. Mai unter anderem an folgende Politiker: Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), SPD-Bundestagsabgeordneter Martin Gerster, CDU-Bundestagsabgeordneter Josef Rief und Landrat Heiko Schmid. Nur vom Landrat erhielten die 20 Gasteltern aus dem Kreis, die den Brief unterzeichnet haben, bis Mittwochmittag eine Antwort.

Die Antwort des Landrats reicht Gastvater Roland Ringeltaube aus Schweinhausen nicht: „Er schreibt, dass er unseren Einsatz lobt, aber dass er auf Kreisebene keinen Einfluss auf die aktuelle gesetzliche Grundlage hat.“ Der Landrat könne das Anliegen aber wohl in all seinen Gremien kundtun. Auf Anfrage der SZ äußerte sich Heiko Schmid so: „Wir werden das Thema im Rahmen unserer Möglichkeiten auf jeden Fall weitertragen.“ Dass sich überhaupt einer der Adressaten gemeldet hat, darüber sind die Gastfamilien schon froh. Enttäuscht sind sie allerdings von den beiden Bundestagsabgeordneten, Martin Gerster und Josef Rief, die sich bislang nicht gemeldet hätten. Auf Anfrage der SZ sagte Rief: „Ich habe den Brief erhalten und bin auch dabei, ihn zu beantworten.“ Im Fall einer Abschiebung werde eben immer der Einzelfall geprüft. Er könne nicht beurteilen, ob das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge immer richtig handle. Martin Gerster sagte auf Anfrage, dass er den Brief nicht erhalten habe. Einige Stunden später kam ein Antwortschreiben per E-Mail an die SZ. Gerster würde in den kommenden Wochen gerne ein Treffen mit den betreffenden Familien vereinbaren, um das Anliegen konkret zu besprechen.

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