Der Schultes kennt fast alle persönlich

Lesedauer: 7 Min

Tobias Wäscher hat vor rund 100 Tagen das Amtszimmer in Betzenweiler bezogen.
Tobias Wäscher hat vor rund 100 Tagen das Amtszimmer in Betzenweiler bezogen. (Foto: Martina Wäscher/privat)

Die ersten 100 Tage liegen hinter Tobias Wäscher seit seinem Amtsantritt als Bürgermeister in Betzenweiler. „Die sind vergangen wie im Flug“, wundert er sich selbst und findet auch gleich die Begründung: „Jeder Tag war spannend – und man lernt jeden Tag dazu.“

Das Mobiliar im Arbeitszimmer hat er ein wenig umgestellt, Regale sind hinzugekommen. Der 35-Jährige ist offenbar ein Mensch mit Ordnungssinn. Vom Schreibtisch aus sieht er auf die angrenzende Wiese, auf der friedlich zwei Pferde grasen. „Es gibt Arbeitsplätze mit schlimmerer Aussicht“, bestätigt er. Um die Idylle zu genießen fehle allerdings die Zeit. Er sei immer noch in der Einarbeitungsphase. Nur vier Mitarbeiter gehören zum kleinen Team: zwei im Rathaus und zwei im Bauhof – „da muss man priorisieren“. Regelmäßig tausche er sich mit seinem Amtsvorgänger Dietmar Rehm aus. Die Arbeit mit dem Gemeinderat bezeichnet der Vorsitzende als hervorragend, ebenso mit den Kollegen im Gemeindeverwaltungsverband, dem Betzenweiler angehört. Die kennt er bereits aus seiner früheren Tätigkeit als Breitbandbeauftragter des Landkreises Biberach.

Wäscher schätzt die Nähe zu den rund 750 Bürgern, von denen er die meisten ohnehin persönlich kenne. „Ich habe das Gefühl, dass sie positiv gestimmt sind und mir die Zeit geben, mich einzuarbeiten.“ Eine überwältigende Mehrheit von 96,1 Prozent war auch ein positives Vorzeichen für seine Amtszeit. Es gibt feste Sprechzeiten, aber seine Türe stehe auch darüber hinaus offen: „Es darf jeder kommen, wenn mein Auto vor der Tür steht.“ Die Arbeit als Bürgermeister bereite ihm Freude, „weil man den Leuten direkt behilflich sein kann und wenn man eine Lösung findet.“ Mal gehe es um eine Räumungsklage, mal um die Höhe einer Hecke, mal um einen negativen Bewilligungsbescheid. Aber auch manche Verbesserungsvorschläge würden an ihn herangetragen. Wäscher schätzt die Mentalität der Bewohner in Betzenweiler: „Das ist der Grund, warum ich den Job machen wollte. Ich weiß, wie die Leute sind.“

Bei seinem Antrittsbesuch im Regierungspräsidium vorige Woche hat er selbst die Anliegen der Gemeinde vorgebracht: die Themen Ökopunkte und Innenentwicklung. Es gebe ausreichend Lebensraum für Flora und Fauna in der Gemeinde und keinen Grund, der Landwirtschaft immer noch mehr Fläche zu entziehen, um Ökopunkte zu bekommen: „Wir kämpfen gerade dafür.“ Wäscher bedauert auch, dass Förderprogramme zur Ortsentwicklung wie das ELR im privaten Bereich oft nicht greifen: „Die scheinen beim Endverbraucher nicht anzukommen.“ Die bürokratischen Hürden seien viel zu hoch, „von der Realität weit entfernt.“

„Viele kleinere Projekte“ will Tobias Wäscher zunächst angehen. Dazu zählen eine Bestandaufnahme für künftige Vorhaben im Bereich Straßenbau und Kanalisation sowie die Festschreibung eines Gemeindeentwicklungsplans. Vor allem die Innenentwicklung will er voranbringen. Auch Betzenweiler hat noch viele ehemalige Hofstellen, die dabei einbezogen werden müssen. Bei der Breitbandversorgung sei die Ortsmitte noch eine große Herausforderung, soweit in nächster Zeit nicht ohnehin Baumaßnahmen anstehen: „Da müssen wir noch eine Strategie finden.“ Auf jeden Fall soll es eine Glasfaserverbindung bis zum Haus sein, also ohne Zwischenschritt mit Kupferkabel. Auch für die Mobilfunkversorgung in Betzenweiler wird eine Lösung gesucht. Es habe zwar eine Inititaive für einen Mobilfunkmast gegeben: „Aber der Anbieter lässt uns hängen.“ Auch die Außendarstellung der Gemeinde, insbesondere den Internetauftritt, möchte Wäscher noch optimieren.

Der Bürgermeister strebt für seine „kleine, aber rührige Gemeinde“ ein „gesundes Wachstum“ an. Derzeit werden im Neubaugebiet Kirchenöschle 15 Bauplätze vermarktet - zum familienfreundlichen Quadratmeterpreis von rund 80 Euro. Der zweite Bauabschnitt steht an. Auch für das Gewerbegebiet soll durch Expansionsmöglichkeiten gestärkt werden: „Wir müssen frühzeitig aufgestellt sein.“ Bei über 460 Arbeitsplätzen ist die Quote bereits jetzt überdurchschnittlich hoch.

Wäscher stammt zwar aus Betzenweiler, wohnt derzeit aber noch mit seiner kleinen Familie in Wilflingen und gehört damit zu den über 400 Einpendlern im Ort. Ein Neubau auf dem Grundstück gegenüber seinem Elternhaus ist in Planung: „Wenn alles gut läuft, können wir in einem Jahr anfangen zu bauen. So langsam kann ich es kaum erwarten.“ Wäschers Frau Martina arbeitet in Teilzeit in Bad Waldsee, die dreieinhalbjährige Tochter besucht den kirchlichen Kindergarten in Betzenweiler. „Ein Superkindergarten“, findet der Papa. Die Einrichtung mit 40 Plätzen werde sehr gut angenommen – so gut, dass der Ausbau angestrebt wird.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen