Thomas Müller und Rudolf Metzger beschäftigen sich schon seit Jahren mit Gustav Mesmer.
Thomas Müller und Rudolf Metzger beschäftigen sich schon seit Jahren mit Gustav Mesmer. (Foto: Birga Woytowicz)
Crossmedia-Volontärin

Die Ausstellung ist im ersten Stockwerk des neuen Gustav-Mesmer-Hauses am ZfP in Bad Schussenried zu sehen. Sie geht bis zum 4. November und ist montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 16 Uhr zu sehen.

35 Jahre in der Isolation. Und doch hat Gustav Mesmer nie den Antrieb verloren. Er ist der wohl bekannteste Patient, den das ZfP Südwürttemberg je aufgenommen hat. Hatte er über all die Jahre in der Psychatrie vom Fliegen geträumt und sich dazu Ideen ausgemalt, konnte er diese erst in seinen letzten Lebensjahren in einem Altenheim in Buttenhausen in die Tat umsetzen. Am Standort Bad Schussenried zeigt das ZfP nun Schwarz-Weiß Fotos von Mesmer aus dieser Zeit. Hier wurde er 1929 eingeliefert. Ein Teil der Diagnose: Erfinderwahn.

Rudolf Metzger, der ehemalige Ärztliche Direktor des ZfP in Bad Schussenried, ist sich sicher: Auch aus heutiger Sicht wäre Gustav Mesmer in eine Psychiatrie eingewiesen worden. Als junger Mann wurde Mesmer damals während eines Gottesdienstes auffällig. Anschließend habe er sich in seinem Zimmer eingeschlossen und mit einem Knüppel auf die Tür eingeschlagen. „Da haben seine Eltern Angst bekommen. Er war erheblich krank und behandlungsbedürftig“, sagt Metzger. Allerdings wäre Mesmer unter heutigen Umständen viel eher entlassen worden.

Fotos in Vergessenheit geraten

Metzger hat die Ausstellung zusammen mit Thomas Müller, Medizinhistoriker am ZfP, nach Bad Schussenried geholt. „Die Fotos lagen fast 30 Jahre in einer Kiste und wurden im vergangenen Jahr erstmalig in einer Ausstellung in Berlin gezeigt“, sagt Müller. Die Frau hinter der Kamera: Nicole Becker. 1988 steckte die damals 21-Jährige mitten in ihrer Ausbildung zur Fotografin. Sie hatte die Aufgabe, einen besonderen Menschen zu fotografieren. Im „Stern“ las sie von Mesmer und machte sich per Anhalter auf nach Buttenhausen. Nach dem Projekt gehen die Fotos unter. Erst im vergangenen Jahr lernt Becker Wolfram Voigtländer kennen. Der ehemalige Chefarzt der Psychiatrischen Abteilung am Kreiskrankenhaus in Heidenheim hatte schon vorher zu Mesmer geforscht und stellt die Ausstellung auf die Beine. Medizinhistoriker Müller nimmt daraufhin Kontakt mit Voigtländer auf.

Als die Aufnahmen entstehen, ist Mesmer schon über 20 Jahre in Buttenhausen und tüftelt in einer Werkstatt an Flugapparaten. Drei Tage lang verbringt Becker damit, Mesmer zu porträtieren. Er sei „im Wesen ein freundlicher, knuddeliger Opa, mit dem jedes Kind gerne in der Werkstatt basteln würde“, zitiert Metzger die Fotografin.

Eben diese Stimmung fingen die Bilder ein. Metzger sagt: „Ich fühle mich durch Mesmer inspiriert und berührt.“ Ungeschönt zeigten die Bilder die Spuren, die das Alter bei Mesmer hinterlassen hätten. „Und doch rückt es in den Hintergrund“, beschreibt Metzger. Über das ganze Gesicht strahle Mesmer Ruhe und Abgeklärtheit aus.

Einige Aufnahmen zeigen Mesmer auf einem Hof. Auf die Schulter hat er sich Flügel geschnallt – eine Konstruktion aus Holz und Plane. Die Fotos zeigen das Chaos in seiner Ideenschmiede, Skizzen für seine Flugapparate und auch einzelne Ergebnisse. So etwa ein Sprungstiefel: Ein Schuh, den Mesmer auf eine Platte samt Feder montiert hat.

Alle Geräte seien flugunfähig gewesen. Dennoch verkörperten sie den Traum vom Fliegen, sagt Metzger. Die Werkstatt habe Mesmer sich zu seinem eigenen Reich gemacht. „Sie war unaufgeräumt und voller Kruscht und unnützer Dinge.“ Viele Flugobjekte seien aus Müll gefertigt.

Das schwäbische Wort „knitz“ bringe dies zum Ausdruck. Es bedeutet so viel wie pfiffig, spitzbübisch. Abgeleitet ist es jedoch aus dem Adjektiv „keinnützig“, sagt Metzger. „Das beschreibt einen Teil der Faszination Mesmers. Das scheinbar Nutzlose kann wichtig und bedeutungsvoll sein.“ Auch Nutzloses könne zu einem ruhigen und zufriedenen Leben führen.

Ein ungewöhnlicher Patient

Was die Ausstellung nicht zeigt: Die Vorgeschichte samt aller Schattenseiten in Gustav Mesmers Leben (siehe Kasten). In gewisser Weise sei das Bild auf seine Persönlichkeit in der Ausstellung verzerrt, bestätigt Metzger. „Wobei er die Ideen zu den Flugapparaten schon in der Klinik entwickelt hat. Mesmer hatte den Wunsch sich auszudrücken.“ Diese Veranlagung sei nicht typisch für einen Patienten.

Das mache den Fall Mesmer umso besonderer und für die Mitarbeiter am ZfP zu einer Bereicherung, wenn sie sich die Ausstellung anschauten: „Man hat überwiegend mit akut Schwerkranken zu tun. Jemanden zu treffen, dem es offensichtlich gut geht, das ist die Ausnahme.“

Auch die Kreativität sei längst nicht bei allen Patienten derart ausgeprägt, ergänzt Hans-Peter Elsässer-Gaißmaier, leitender Pflegerischer Direktor des ZfP. „Mesmer ist eine spannende Person. Ich freue mich über die Ausstellung.“ Elsässer-Gaißmaier hat sein Büro im Gustav-Mesmer Haus. Abgesehen von der Ausstellung ist Mesmer dort auch sonst allgegenwärtig. „Unten hängt eine Tafel mit einem Bild von ihm. Da lacht er mich immer an, wenn ich ins Büro komme.“ Mesmers Traum vom Fliegen beeindrucke ihn, sagt Elsässer-Gaißmaier. Und vielleicht habe es Mesmer sogar geschafft sich diesen zu erfüllen. „Es gibt die Geschichte, dass er einmal geflogen ist. Aber niemand hat’s gesehen.“

Die Ausstellung ist im ersten Stockwerk des neuen Gustav-Mesmer-Hauses am ZfP in Bad Schussenried zu sehen. Sie geht bis zum 4. November und ist montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 16 Uhr zu sehen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen