Flohmarkt: Hinter jedem Artikel steckt eine Lebensgeschichte

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Der fünfjährige Luis aus Ochsenhausen freut sich über Kundschaft an seinem Flohmarktstand. Mit den Einnahmen will er sich ein Le
Der fünfjährige Luis aus Ochsenhausen freut sich über Kundschaft an seinem Flohmarktstand. Mit den Einnahmen will er sich ein Lego-Boot kaufen. (Foto: Angela Körner-Armbruster)
Angela Körner-Armbruster

Wenn in Bad Schussenried ein Flohmarkt stattfindet, lockt dies Publikum aus nah und fern an. „Luis, du hast Kundschaft“, schallt es laut über den Platz und Luis rennt eifrig herbei. Er ist fünf Jahre alt, aus Ochsenhausen und für seinen großen Markttag kurz nach fünf aufgestanden. Jetzt verkauft er äußerst zufrieden drei Bilderbücher für ein Osternest. Neun Euro hat er bereits eingenommen und sein Ziel rückt in greifbare Nähe. „Ich brauche drei Fünfer und einen Sechser“, erzählt er. So viel kostet nämlich das Lego-Boot, das er sich wünscht.

Ganz in der Nähe steht eine Biberacherin mit sonnigem Gemüt. Sie möchte kein Boot, sie steckt das erwirtschaftete Geld ins Urlaubskässle. „Erstens bin ich zu sehr Schwabe, als dass ich alles wegwerfe“, sagt sie und lacht. „Und zweitens sind wir gern unterwegs und meine Mutter genießt den Kontakt mit den Besuchern.“ Ihre Mutter ist 78 und findet die Flohmarktaktionen mit den gesammelten Gegenständen aus mehreren Familien höchst unterhaltsam.

So geht es auch dem gebürtigen Schelklinger Hans Dolde. 30 Jahre hat er als freier Mitarbeiter für die Schwäbische Zeitung geschrieben. Jetzt ist er im Ruhestand und weil er gern mit Menschen zusammen ist und plaudert, tut er dies jetzt auf Flohmärkten.

Die Profis stehen früh auf

Diese drei Verkäufer zeigen, dass zu alten Puppen und Porzellan, Dampfmaschinen und Kinderspielen auch Lebensgeschichten gehören. Die professionellen Wiederverkäufer sind bereits um 8 Uhr über den Platz gegangen und haben die großen und guten Stücke für sich aussortiert. So erzählt eine ältere Dame, die neben mehreren Kruzifixen den Nachlass ihrer Mutter verkauft, und eine Besucherin gesteht, dass sie als Rentnerin nicht mehr genug Geld habe. „Wenn ich ein Geschenk brauche, gehe ich auf den Flohmarkt.“

Bei Computerspielen, Konkursmasse und Elektrogeräten unsicherer Herkunft wird nicht gehandelt, bei Stoffhasen, Ostereiern und Spielzeug aus den Fünfzigern schon. Ausgestopfte Tiere und afrikanische Masken liegen zum Kauf bereit und zwischen einer Mistgabel und einem Topf wartet ein Tütchen Haselnüsse auf einen Käufer. Es wird in allerlei Sprachen um kleinste Beträge gefeilscht und oft grimmige Blicke zur Schau getragen.

„Ich nehm die Schale, auch wenn sie dann bloß wieder rumsteht,“ schmunzelt ein Herr in den Achtzigern und eine unwesentlich jüngere Dame diskutiert mit ihrem Begleiter, ob es für die bezaubernde Hinterglasmalerei im Treppenhaus wohl hell genug sei.

Feilschen oder Festpreis

Wer ein warmes Wohnmobil mit eigener Toilette hat, ist beim kühlen Wind gut versorgt. Ein Anbieter verschanzt sich missgelaunt im übergroßen SUV, der andere nutzt seinen 20 Jahre alten Kleinwagen als Regal. Mancher verhandelt zehn Minuten wegen 50 Cent, andere stellen Festpreisschildchen auf und geben sich wortkarg. Die Menschen und ihre Erlebnisse sind ebenso vielfältig wie die Waren auf dem Boden und auf Tischen. „Ich brauche einen neuen Topf, den kann ich mir im Laden nicht leisten“, bedauert eine schlicht gekleidete Mutter und zeigt auf ihre erworbenen Schätze im Kinderwagen. Sie ist damit der krasse Gegensatz zur jungen Russin, die hochmütig erzählt, dass sie einen Extraschrank für ihre Designerhandtaschen habe. „1000 Euro hat die hier gekostet, aber Sie kriegen sie für 30.“ Ihre rumänische Standnachbarin verkauft abgelegte Kinderkleidung, das Stück für einen Euro. Ihr Sohn braucht neue Schuhe, sagt sie bescheiden.

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