Der Hölle entkommen und doch für immer verdammt

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 Kamen bei der Vernissage zusammen (von links): Stefan Laux, Hans-Otto Dumke, Cornelia Lanz, Christine Keck, der Fotograf Andy S
Kamen bei der Vernissage zusammen (von links): Stefan Laux, Hans-Otto Dumke, Cornelia Lanz, Christine Keck, der Fotograf Andy Spyra und Landrat Heiko Schmid. (Foto: Günter Vogel)
Günter Vogel

Im Kloster Bad Schussenried ist am Donnerstagabend die Sonderausstellung „Die geraubten Mädchen – Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas“ eröffnet worden. Der Fotograf Andy Spyra, der den Journalisten Wolfgang Bauer auf seiner Reise nach Nigeria begleitet hatte und die in der Ausstellung zu sehenden Fotografien gemacht hat, war bei der Vernissage anwesend.

Der persönliche Eindruck beim ersten Rundgang durch die Ausstellung der Fotografien noch vor den Eröffnungsreden ist bedrückend und löst tiefes Mitempfinden aus. Jedes Bild zeigt die individuelle Persönlichkeit einer Frau, die ihren Vergewaltigern entkommen konnte und nun ihr ganzes Leben mit diesen schrecklichen Erinnerungen wird zubringen müssen. Und der Besucher sieht Bilder von Kindern, die die Mütter nach Vergewaltigungen und Folterungen geboren haben. Keines der Kinder lächelt, einem fehlt ein Arm. Viele der jungen Mütter wurden nach ihrer Rückkehr von Familie und Dorfgemeinschaft ausgegrenzt und verstoßen, weil sie „Das Böse“ in sich oder schon auf dem Arm trugen.

Der Initiator der Ausstellung, Hans-Otto Dumke, eröffnete die Vernissage im Kloster Schussenried mit einem Rückblick auf die Verleihung des Friedensnobelpreises 2018 an Denis Mukwege und Nadia Murad für ihren Kampf, die Anwendung sexueller Gewalt als Kriegswaffe zu beenden. „Gewalt gegen Frauen hat verschiedene Formen, physische, sexuelle, psychologische, emotionale, gilt allen Altersklassen vom Baby bis zu älteren Menschen“, erläuterte Dumke. Er nennt neben direkter sexueller Gewalt die Genitalverstümmelung, „Ehrenmorde“ und Menschenhandel. Dumke zitiert Ellen Dietrich, Fotochefin der Wochenzeitung „Die ZEIT“, die über die Ausstellung geschrieben hat: „Unvorstellbare körperliche und seelische Verletzungen haben diese Frauen erlitten. Jedes Bild wird zu einer Ikone des Leids, ohne ins Klischee abzugleiten. Nie verlieren die Frauen ihre Individualität. Jedes Bild ist eine Anklage, ein Dokument, ein stummer Schrei.Tausende Frauen sind noch immer gefangen als Sklavinnen der Islamisten.“

Der Schirmherr der Ausstellung, Landrat Heiko Schmid: „Wer die Fotografien betrachtet, kann sich dem Schicksal der nigerianischen Mädchen und Frauen, die 2014 von der islamistischen Terrororganisation Boko Haram entführt wurden, nicht entziehen.“ Schmid wendete sich an Andy Spyra, den Fotografen der Bilder und an den Autor des Buches „Die geraubten Mädchen“, Wolfgang Bauer, der aber aus beruflichen Gründen nicht da sein konnte: „Durch Ihre Arbeit machen Sie die Schicksale und Traumata der nigerianischen Mädchen und Frauen sichtbar, geben ihnen ein Gesicht, aber auch eine Stimme: Seht her, schaut uns an, nehmt uns wahr, begreift!“ Und er schließt zu den Bildern von Andy Spyra mit Goethe: „Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“

Anstelle des verhinderten Wolfgang Bauer sprach seine Frau Christine Keck über die Demütigungen dieser gequälten Frauen, über die Peinigungen, die sie von dieser schrecklichen Sekte ertragen mussten. Sie verglich das mit dem Leid und der Angst der „Trümmerfrauen“, die Vergleichbares nach Kriegsende von der „Roten Armee“ erdulden mussten. Die Hoffnungslosigkeit endete heute wie damals in vielen Suiziden.

Fotograf Andy Spyra berichtete, wie die Bilder entstehen konnten, über die anfänglich totale Zurückhaltung der Mädchen, und wie sich einige wenige Mutige, es waren zuerst nur acht, langsam öffneten, und das Fotografieren gestatteten. Spyra: „Ein tiefer Graben des Misstrauens geht durch die nigerianische Gesellschaft.“ Er schilderte Details der Kommunikation, die nur in kleinen Blockhütten stattfinden konnte: „Aber immer gab es einen Punkt, an dem sie nicht weiter reden wollten.“

Spyra weiter: „In Presserezensionen werden die Frauen immer als passive Opfer beschrieben. Ich habe aber auch einige starke Frauen erlebt, die ihre Stärke auch ausdrücken konnten.“ Spyra und Bauer haben nach ihrer Rückkehr aus Nigeria Exemplare des „Zeit-Magazins“ nach Nigeria geschickt, in denen die Bilder veröffentlicht waren. Sie haben zu Spenden aufgerufen. Etwa 50 bis 60 000 Euro haben sie bei einer erneuten Reise an die betroffenen Frauen verteilt,

Die Mezzosopranistin Cornelia Lanz, begleitet am Flügel von Stefan Laux, sang wunderbar einfühlsam vier Lieder von Schubert, Brahms und Clara Schumann, die ebenfalls Frauenschicksale thematisieren.

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