„Wir alle müssen es jetzt anpacken!“

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 Josef Knoll (links am Pult) moderierte das Bürgerforum, Michael Wissussek (stehend) stellte das „Lebenszentrum“ vor.
Josef Knoll (links am Pult) moderierte das Bürgerforum, Michael Wissussek (stehend) stellte das „Lebenszentrum“ vor. (Foto: Laetitia Barnick)
Laetitia Barnick

Ein beeindruckendes soziales und organisatorisches Meisterstück haben die „Bürger für Bürger“, die Selbsthilfegemeinschaft Federsee, am Mittwoch im Haus der Musik in Bad Buchau präsentiert. Beim Bürgerforum stellte der Verein seine vielseitigen Projekte vor.

Mit einem beinahe philosophischen Zitat von John F. Kennedy – „Frage nicht, was dein Land für dich, sondern was du für dein Land tun kannst!“ – bewegte Bürgermeister Peter Diesch in seiner Begrüßung die alte Frage, was Bürger von dem Sozialstaat erwarten und wofür er zuständig ist. Hierbei wird klar, dass soziales Leben ohne private Initiativen nicht funktionieren kann. Darüber hinaus könne „soziales Engagement nicht menschliche Anteilnahme ersetzen“, so der Bürgermeister.

Dass in Bad Buchau in beiden Bereichen – sowohl soziales Engagement als auch menschliche Anteilnahme – großartige Dinge umgesetzt werden, verdeutlichte Moderator Josef Knoll. In seinem Rückblick veranschaulichte er nochmals die Entwicklung des Vereins seit der Initiative „Leben im Alter“ bis hin zum „Highlight“, den Landespreis für Quartiersentwicklung in Höhe von 35 000 Euro. Doch damit nicht genug, denn weitere Fördergelder stehen im Raum, wie auch Bürgermeister Peter Diesch bestätigte.

Dass hinter dieser erfolgreichen Entwicklung ein geradezu unglaubliches privates Engagement stehen muss, wurde in der weiteren Vorstellung der jeweiligen Projekte klar. So erläuterte Heinz Fischer zum Thema „Mobilität und Barrierefreiheit“ die Bedeutung des Begriffs „Mobilität“ – und was alles dahintersteckt: von der körperlichen Beweglichkeit über die Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben bis hin zur barrierefreien Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs für behinderte Bürger. In diesem Zusammenhang sei auch jeder Autofahrer zum Mitdenken aufgefordert: „Man muss nicht auf dem Gehweg und auch nicht ohne Berechtigung auf einem Behindertenparkplatz parken!“

Roswitha Haustein-Köll vermittelte nicht nur einen Gesamteindruck im Bereich „Hilfe, Service und Betreuung“, sondern klärte auch über die Voraussetzungen auf, um in den Genuss ihrer Serviceleistungen zu kommen: „Jeder Pflegegeld-Berechtigte kann die Zusatzleistung von 125 Euro beantragen, aber auch privat kann die Hilfe gebucht werden. Abgedeckt werden alle Leistungen im Bereich der hauswirtschaftlichen Hilfe wie etwa Kochen, Einkaufen, Spaziergänge, aber keine Grundreinigung. Unsere Helfer unterstehen der Schweigepflicht und sind Unfall- und Haftpflicht-versichert.“

Eine Begegungsstätte für alle

Die Begeisterung für ihr Bürger-Café konnte man anschließend bei Irmgard Wissussek spüren: „Es ist eine Begegnungsstätte für alle!“ Aber nicht nur als Café biete sich der etwa 35 Personen fassende Raum an, sondern auch als Vortrags- und Beratungsraum – wobei Sozial-, Pflege- und Betreuungsberatungen von Irmgard und Michael Wissussek unentgeltlich angeboten werden – oder auch für Familienfeiern: „Kommt einfach vorbei, ihr dürft auch Kuchen mitbringen!“

Über das Thema „Bürgerschaftliches Engagement und Soziales“ verdeutlichte Barbara Sandmaier die Wichtigkeit sozialen Engagements auf der einen und der Pflege sozialer Kontakte auf der anderen Seite, was durchaus auch sehr niederschwellig umgesetzt werden könne: „Fast jeder kennt jemanden aus der Nachbarschaft, der allein ist und den man man zum Spaziergang mitnehmen kann!“ Somit sei ehrenamtliches Engagement immer eine Win-Win-Situation: „Man bekommt viel zurück!“

Ebenso hochinteressant waren die Ausführungen von Bürgermeister a. D. Harald Müller zum Thema „Netzwerk und Kooperation“, wobei er vor allem die Situation der älteren Mitbürger fokussierte: „Auch wenn sich viel getan hat, bleibt die Alterssituation prekär. Es besteht viel Handlungsbedarf!“

Der frisch gewählte Bürgermeister von Kanzach, Klaus Schultheiß, möchte sich um bürgerschaftliche Belange in den Federseegemeinden im Rahmen des Gemeindeverwaltungsverbands kümmern: „Es wird die Kooperation von Bürgermeistern angestrebt.“ Auch ihm war die Begeisterung anzumerken: „Wir bringen da eine tolle Geschichte auf den Weg!“

Dass in dieser beispiellosen Geschichte bürgerschaftlichen Engagements aber auch viel Herzblut steckt, wurde abschließend auch durch das Referat des Vorsitzenden Michael Wissussek zur sozialen und demografischen Entwicklung deutlich, wobei der Initiator des „Lebenszentrums am Postpark Bad Buchau“ dieses nochmals anhand der Pläne erläuterte. „Irgendwann wird wegen der Überalterung der Gesellschaft auch die Nachbarschaftshilfe nicht mehr funktionieren“, warnte Wissusek. „Wir müssen jetzt anfangen, unsere Zukunft selbst zu gestalten, wenn wir nicht in der Versorgungsmaschinerie landen wollen. Wir alle müssen es jetzt anpacken!“

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