Wichtig: Menschenverstand und Empathie

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Eva Winkhart

Zur ersten Veranstaltung zum Thema Barrierefreiheit in Bad Buchau sind etwa 30 Interessierte im Raum der Tagespflege Haus mit Herz zusammengekommen. Am Samstagnachmittag konnten sie sich informieren über die Situation hier, mit einer Pflegeberaterin der AOK sprechen, konnten unterschiedliche Rollatoren ausprobieren, das Rollstuhlfahren testen. Auch ein Alterssimulationsanzug stand zur Verfügung.

Und den testete Bürgermeister Peter Diesch. Anfangs lag dieser graue, unscheinbar aussehende „Ganzkörperanorak“ ausgebreitet auf zwei Sesseln des Ruheraumes. Andreas Kemper, Kommunaler Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderungen im Landratsamt Biberach, half Peter Diesch in das Kleidungsstück. Mit ihm soll körperlich nachvollziehbar gemacht werden, wie schwierig der Alltag als betagter, als eingeschränkter oder behinderter Mensch sein kann. „Schwer ist er schon mal“, sagte Diesch bereits beim Einsteigen in die Hosenbeine. Nach etlichem Ziehen und Verstellen saß der Anzug, der Reißverschluss wurde geschlossen. Der rechte Arm hing schwer und bewegungslos an der Seite: Folge eines „Schlaganfalls“. An verschiedenen Bändern verstellte Kemper die Länge des Anzuges so, dass das Rückgrat etwas gekrümmt wurde – ähnlich wie beispielsweise bei einer Osteoporose. Eine Brille, die die Sicht einschränkt, und ein Gehörschutz zur Dämpfung der Umgebungsgeräusche vervollständigten die Alterssimulation. Peter Diesch ging, langsam und schwerfällig, zwischen den Stühlen hindurch. Das Hinsitzen und besonders das Aufstehen mit kaum bewegbaren Kniegelenken fielen ihm sichtlich schwer. Handschuhe, zur Darstellung des fehlenden Feingefühls der Finger, wurden noch ergänzt – dann erklärte Andreas Kemper den Zuschauern, was dieser Anzug zeigen soll und wofür die einzelnen Teile stehen. Verstehendes Nicken überall. Aber Peter Diesch war noch nicht erlöst: Er musste noch eine Treppe ohne Handlauf meistern; der Besuchereingang vom Vorplätzchen her wurde ausgewählt. Das Treppabgehen war eine Herausforderung, sagte Diesch, treppauf ginge besser. „Eine spannende Erfahrung“, war sein Fazit. „Wie befreit“ fühlte er sich nach dem Ablegen des behindernden Kleidungsstückes. Und gut, dass nicht auch noch Schmerzen dazu kamen, meinte er. Auch diese Variante, so Kemper, gebe es: durch Socken mit eingearbeiteten Holzperlen.

Etwas ins Laufen bringen

Zuvor hatte Heinz Fischer, Mitglied des Kreisseniorenrates seit 2015, mit einer Bildpräsentation die Belange Behinderter in Bezug auf Barrierefreiheit ins Bewusstsein gerückt: „Barrierefrei bedeutet, dass jemand ungehindert am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann.“ Dazu gehören ganz einfache Dinge, die dennoch helfen – oder hindern: nicht auf Geh- und Radwegen parken, Hecken und Sträucher zurückschneiden, Behindertenparkplätze den Berechtigten überlassen, die Räum- und Streupflicht im Winter genau nehmen. „Man fällt im Alter anders als mit 20!“, sagte Fischer. Auch die Situation an Bahnhöfen und Bushaltestellen, in der Bahn und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln sprach er an. Etwas „ins Laufen bringen“ möchte er mit seinen Ausführungen, und nicht einfach zuwarten. „Wir brauchen eigentlich was ganz Einfaches: gesunden Menschenverstand und Empathie“, war seine Aussage.

Auch Michael Wissussek und Bürgermeister Diesch führten ihre Standpunkte zur Barrierefreiheit in Bad Buchau aus. Und eine betroffene Bürgerin – Bärbel Lessmeister –, an Multipler Sklerose erkrankt, inzwischen Rollstuhlfahrerin seit drei Jahren, beschrieb ihre Erfahrungen im öffentlichen Bereich: „Die neuen Straßen, die neu gemachten, sind sehr gut.“ Jedoch stellt sie fest, dass häufig das Befahren der Gehwege mit dem Rollstuhl erschwert ist durch parkende Autos – wie in der Präsentation gezeigt. „Oft. Überall. Leider“, sagte sie deutlich. Und an den Bauten, öffentlichen wie privaten, schränkten besonders die Treppen ein. Nur hin und wieder sei es für sie möglich, den Hintereingang ohne Treppen zu benutzen. Eine einzige Arztpraxis sei barrierefrei erreichbar. Lokale und Restaurants, sofern renoviert, seien meist barrierefrei – jedoch sind die Toiletten fast überall im Keller. Möglichst weit entfernt von den Küchen. „Das sind so Sachen! Das merkt jemand, der nicht betroffen ist, gar nicht!“ ergänzte Bärbel Lessmeister.

Ein Verbund aus der Stadt Bad Buchau, der AOK Biberach und dem Kreisseniorenrat hatte die Veranstaltung „Barrierefrei-Tag in Bad Buchau“ ausgeschrieben. „Erleben und verstehen“ war die Intention des Nachmittags. Personen ohne Einschränkungen sollen dabei sensibilisiert werden, mit offenen Augen und mehr Rücksichtnahme durch Bad Buchau zu gehen. Finanzielle Unterstützung lieferte der Kreisseniorenrat. Initiiert hat die Veranstaltung – aus der sich auch eine Veranstaltungsreihe entwickeln könnte – Michael Wissussek, unter anderem Mitglied des Gemeinderates der Stadt und des Kreisseniorenrates, Einrichtungsleiter der Tagespflege am Postpark.

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