„Welt des Friedens und der Freundschaft“

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 Französischen und deutschen Freunde bei einem Austausch.
Französischen und deutschen Freunde bei einem Austausch. (Foto: Braun)
Brigitte Braun

Als Charles de Gaulle im Spätsommer 1962 während seines Besuches bei Bundeskanzler Konrad Adenauer in Bonn diesen für damalige Verhältnisse geradezu revolutionären Satz formulierte, hatten die ersten deutsch-französischen Begegnungen der französischen Gemeinde Segonzac und der oberschwäbischen Gemeinde Kanzach schon ein Jahr zuvor, also im Jahr 1961, stattgefunden. Das August-Blatt des Kanzacher Jubiläumskalenders zeigt ein Gruppenbild aller französischen und deutschen Freunde während eines Besuches in der Charente, dem goldgelben Land.

Jahrhunderte lang prägten Kriege das deutsch-französische Verhältnis und beide Länder standen sich als Rivalen, Gegner, gar als sogenannte „Erzfeinde“ gegenüber. Die beiden Weltkriege, besonders die Verbrechen der Nazi-Diktatur, waren schreckliche Tiefpunkte. Welchen Mut, ja Kühnheit angesichts dieses historischen Hintergrundes, hatten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, als sie am 22. Januar 1963 in Paris den Elysée-Vertrag unterzeichneten und somit den Grundstein für die Freundschaft zwischen beiden Völkern legten.

Allerdings, bei all dem guten Willen der politischen Klasse, erforderte es den Mut und den festen Willen der Bevölkerung, diesen Weg mitzugehen und vor allem Menschen, die bereit waren, Gräben zuzuschütten und sollten sie zu tief erscheinen, Brücken darüber zu bauen. Ein besseres Beispiel als Kanzach könnte es hier nicht geben. Das Fundament hierfür legten im August des Jahres 1960 der Franzose Jacques Bardy und der Deutsche Albert Braig, die zum einen durch verwandtschaftliche Bande verknüpft und zum anderen beide begeisterte Fußballspieler waren. Bei einem seiner Besuche bei der deutschen Verwandtschaft trafen sich die beiden Cousins mit dem Schwiegervater von Albert Braig, Franz Hummler, und einigen Kanzachern im Gasthaus Löwen, um einen gemütlichen Abend zu verbringen. Weit nach Mitternacht reifte in Franz Hummler, damals der Vorstand des Fußballvereins, ein besonderer Gedanke und er sagte zu Jacques: „Du Jacques, wir, Kanzach und Segonzac, spielen im nächsten Sommer Fußball. Ihr kommt nach Kanzach und wir zu euch.“, worauf Jacques nur antwortete: „Ja, das geht!“.

Und so kam es, dass im August 1961 Fußballer des Sportvereins Segonzac nach Kanzach kamen. Allerdings erforderte dies zunächst von Jacques Bardy sowohl einen langen Atem und auch den absoluten Willen, dieses Vorhaben zu realisieren. So kurz nach dem 2. Weltkrieg waren die Wunden, die der Krieg schlug, noch zu tief und zu schmerzhaft, so dass sich kein einziges Busunternehmen fand, das nach Deutschland reisen wollte. Aber Jacques Bardy ließ sich nicht beirren und kaufte kurzerhand einen Reisebus und stellte den dazugehörigen Fahrer ein. Und es hat sich gelohnt! Die erste Begegnung war so überaus herzlich, dass man sich einig war, dass es ein Wiedersehen geben müsse und so reiste bereits ein Monat später im September 1961 eine Gruppe von 26 Kanzachern zum Gegenbesuch nach Segonzac.

Wunderbare Erlebnisse

Seit damals haben neben privaten Reisen und Begegnungen insgesamt mehr als 20 offizielle Besuche, seit 1991 auch mit der Gemeinde Dürnau, stattgefunden, sowohl nach Frankreich als auch nach Deutschland. Trotz der vorhandenen Sprachbarrieren sind diese Begegnungen jedes Mal aufs Neue als wunderbare Erlebnisse in Erinnerung geblieben. Wir alle durften das Land des jeweils anderen kennen- und schätzen lernen. Für viele Kanzacher war es in den 1960er Jahre das erste Mal, dass sie den mächtigen atlantischen Ozean sahen, so wie es für die französischen Freunde beeindruckend war, die schneebedeckten Gipfel und Hochlandschaften der Alpen zu sehen. Wie sehr genießt man bis heute immer wieder aufs Neue die gegenseitige Gastfreundschaft, das herzliche Miteinander, das französische „savoir vivre“ und nicht zu vergessen, den Pineau des Charentes und den Cognac oder von der französischen Seite das süffige Bier und die schwäbischen Spezialitäten, wie Spätzle, Kartoffelsalat und Wurst. Aber, abgesehen von all den schönen Reisen, den Festen oder privaten Begegnungen sind in diesen 58 Jahren viele wertvolle Freundschaften entstanden. Auf beiden Seiten des Rheins hat man Anteil am Leben der anderen genommen, sich über neue Erdenbürger gefreut, Anteil an ihrem Erwachsenwerden genommen, Hochzeiten miterleben dürfen und auch manche Freunde auf ihrem letzten Weg begleitet.

Und um den Kreis zu schließen, sei aus dem Dankschreiben von Jacques Bardy vom 30. August 1961 an den Kanzacher Bürgermeister nach dem ersten Besuch mit der französischen Delegation in Kanzach zitiert:

„Wir haben bei ihnen und ihren Mitbürgern eine solche Brüderlichkeit vorgefunden, die wir niemals vergessen werden. Mögen wir immer in einer Welt des Friedens und der Freundschaft leben.“

All diesen Frauen und Männern der ersten Stunde gebührt unser aller Respekt, hatten sie doch trotz aller Verletzungen und Widerstände, den festen Mut und die absolute Entschlossenheit, den Grundstein dafür zu legen, dass wir alle in Frieden und Freiheit leben dürfen. So können wir auch in diesem Jahr bei einem Treffen mit unseren französischen Freunden aus Segonzac und den italienischen Freunden aus Segonzano das 850-jährige Bestehen der Gemeinde Kanzach feiern.

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