Von sexy Blüten und fliegenden Zustellern

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Das breitblättrige Knabenkraut gedeiht auf dem nährstoffarmen Moorboden.
Das breitblättrige Knabenkraut gedeiht auf dem nährstoffarmen Moorboden. (Foto: Jost Einstein)
Kerstin Wernicke

Zurzeit blühen verschiedene Orchideenarten auf den feuchten Riedwiesen rund um den Federsee. Der beste Platz zur Beobachtung ist die vom Naturschutz frei gehaltene Lichtung im Banngebiet Staudacher zwischen Bad Buchau und Moosburg, auf der auch Raritäten aus anderen Pflanzenfamilien wachsen.

„Orchideen gibt es nur auf der Fensterbank? Weit gefehlt“, sagt Jost Einstein, der Leiter des Nabu-Naturschutzzentrums Federsee in Bad Buchau, und führt aus: „Im Federseeried wachsen zehn Ochideenarten. Sie profitieren von der Natur schonenden Pflege der Feuchtwiesen am Federsee. Die späte Mahd ab Anfang August ermöglicht es ihnen, zu blühen, Nektarquelle zu sein und sich auszusamen. Ohne Düngung bleiben die Moorstandorte nährstoffarm“. Auf gedüngten Standorten könnten sich laut Einstein Orchideen gegenüber Nährstoffliebhabern wie Löwenzahn und Süßgräser nicht durchsetzen. Solche schnellwüchsige Allrounder überwucherten sie und nähmen ihnen das zum Wachstum notwendige Licht.

Damit sich keine Gehölze ansiedeln, müssen die Moorflächen im Federseeried regelmäßig gemäht werden. Von einer späten Mahd profitieren nicht nur die Pflanzen und ihre Bestäuber – auch am Boden brütende Vögel können dann gefahrlos ihre Jungen aufziehen. Vom Naturschutz beauftragte Landwirte mähen jedes Jahr 170 Hektar. Rund 95 Hektar besonders empfindliche Flächen pflegen die Mitarbeiter des Nabu-Zentrums Federsee in Handarbeit mit Motorsensen.

Orchideen setzen auf „Paketboten“

Orchideenblüten sind so konstruiert, dass die Bestäuber nicht nur einen bequemen Landeplatz vorfinden, sondern auch gleich dahinter die Belohnung: der hintere Teil der Blütenlippe ist wie eine Schale geformt und hält Nektar bereit. Unterwegs wird dem suchenden Insekt unbemerkt Pollen aufgedrückt. Und da es in jeder Blüte nur winzige Nektarportionen gibt, fliegen die immer noch hungrigen Wespen, Bienen, Grabwespen und Fliegen weiter zur nächsten Blüte und bestäuben so eine Blüte nach der anderen.

„Bei Orchideen werden die Bestäuber regelrecht als Paketboten benutzt“, erzählt Einstein. „Orchideenpollen ist nämlich zu einem Paket verklebt. Am Paket hängt eine Schnur, deren Ende klebrig ist. Kommt ein Insekt mit dem Kopf an die Klebestelle, klebt die Schnur fest und beim Wegfliegen zieht der Brummer das Paket an der Schnur heraus und nimmt es mit. Der fliegende Postbote lädt sein Pollenpaket an der nächsten Blüte ab, die dadurch befruchtet wird“. Der karge Lohn für den Zustellservice: etwas Nektar. Oder auch gar nichts, denn es gibt Orchideenarten, die Form und Farbe eines Insektenweibchens vortäuschen und dadurch Männchen anlocken. Wenn das Männchen schließlich merkt, dass die vermeintliche Dame nur eine geschickt angetäuschte Orchideenblüte ist und es noch nicht einmal Nektar zu holen gibt, klebt längst Pollen an ihm. Und da er auf die nächste sexy aussehende Blüte garantiert wieder hereinfällt, bestäubt er auch diese. „Im Lauf der Evolution hat sich so ein Wettlauf zwischen ganz bestimmten Bestäubern und ihren Lieblingsblüten entwickelt, in dem ein neuer Trick auf den anderen folgt“, weiß der Naturschützer, der mit seinem Team im Auftrag des Regierungspräsidiums Tübingen das Federseemoor betreut.

Ein kleiner Ausschnitt eines besonders wertvollen Moorstandorts ist die frei gehaltene Lichtung im Banngebiet Staudacher, sie ist so etwas wie eine „Demonstrationswiese“ für Besucher. Dort kann man neben Knabenkraut-Orchideen auch Eiszeitpflanzen bewundern, die zum Teil ihre einzigen Standorte in Baden-Württemberg hier haben. Schon auf dem Weg dorthin lohnt es sich, vom Steg aus links und rechts einen Blick hinunter auf die Vegetation zu werden, auch dort sind bereits die auffälligen lila Blütenstände der Knabenkräuter zu sehen.

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