Vom Steg aus können die Besucher die einmalige Natur im Banngebiet Staudacher erfahren.
Vom Steg aus können die Besucher die einmalige Natur im Banngebiet Staudacher erfahren. (Foto: Jost Einstein)
Kerstin Wernicke

Das Banngebiet Staudacher am Federsee ist ein ganz besonderer Wald. Seit mehr als 100 Jahren hat sich der Moorwald ohne jeden menschlichen Eingriff entwickelt. Von einem Steg aus können Besucher hautnah Einblicke in den wildromantischen Wald bekommen und seine faszinierende Artenvielfalt entdecken.

Ein kurzer Trommelwirbel, irgendwo aus einer Gruppe Moorbirken. Erstaunlich vehement! Offenbar hat der Buntspecht einen ausgezeichneten Resonanzkörper gefunden, der seine Schläge optimal verstärkt. Abgestorbene Bäume eignen sich hervorragend, um seine Besitzansprüche auf ein geeignetes Revier gebührend herauszustellen. Im Banngebiet Staudacher findet er alle nötigen Requisiten, um sein Reich zu markieren und Damen zu beeindrucken. Und schließlich auch, um mit einem geneigten Spechtfräulein zur Sache zu gehen – also eine Familie zu gründen. „In abgestorbenen Bäumen gelingt es dem Buntspecht besonders leicht, eine Höhle zu zimmern. Und in morschen Stämmen findet er genügend Nahrung, um seinen Nachwuchs aufzuziehen. Daher fühlt sich der Buntspecht im Bannwald besonders wohl“, weiß Jost Einstein, der als Leiter des Nabu-Naturschutzzentrums Federsee für die naturschutzfachliche Betreuung der Federseenatur zuständig ist.

„Im Banngebiet Staudacher kann sich die Natur seit über 100 Jahren völlig frei entfalten. Im Unterschied zu einem Forst kann man hier noch einen intakten Nährstoffkreislauf studieren: Bäume erreichen ihr natürliches Alter. Sie brechen nieder und machen Platz für Jungwuchs, Licht erreicht den Boden und erlaubt neues Leben. Insekten zernagen das Holz, Pilze machen die Nährstoffe wieder verfügbar. Im Unterholz brüten Zaunkönig, Rotkehlchen, Fitis und und Mönchsgrasmücke. Daher sind morgendliche Vogelstimmenkonzerte im Frühjahr ein bezauberndes Erlebnis“, schwärmt der Naturschützer.

Das Banngebiet Staudacher ist Walter Staudacher gewidmet, der 1909 als Forstverwalter von Thurn und Taxis an den Federsee kam. Schnell erkannte er den enormen Wert des Federseemoors. Da es damals noch keine Naturschutzgesetze gab, war der Kauf ökologisch wertvoller Flächen das einzige Instrument, um sie vor unerwünschten menschlichen Eingriffen zu schützen. Als 1911 die Stadt Buchau Flächen verkaufen wollte, nutzte Staudacher die Chance und gewann Lina Hähnle, die Vorsitzende des Bundes für Vogelschutz, für sein weitblickendes Vorhaben: die Schaffung eines privaten Schutzgebiets am Federsee.

Die Keimzelle des Naturschutzes am Federsee

Lina Hähnle erwarb für den Bund für Vogelschutz (heute Naturschutzbund Nabu) die ersten 16 Hektar Riedflächen im heutigen Banngebiet Staudacher. „Die Vision der beiden Naturschutzpioniere war ein Schutzgebiet, das sich ohne menschliche Eingriffe entwickeln darf“, schildert Einstein. „Zum ersten Mal in Deutschland wurde eine Fläche zu Forschungszwecken aus der Nutzung genommen. Staudacher und Hähnle ließen die Entwicklung des Gebietes durch namhafte Wissenschaftler dokumentieren und machten die Ergebnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich“, ergänzt der Nabu-Mitarbeiter. Damit entspreche die Pionierleistung Staudachers und Hähnles dem heutigen Nationalparkgedanken: die ökologische Unversehrtheit eines wertvollen Gebiets zu sichern und gleichzeitig Naturerfahrungs- Forschungs-, Bildungs- und Erholungsangebote zu fördern.

Besucher an die Natur heranzuführen und nicht etwa auszuschließen, ist auch heute noch das Konzept des Naturschutzes am Federsee. Infotafeln entlang des Stegs durch das Banngebiet Staudacher erläutern dem Besucher die Entstehung und Entwicklung des Gebiets und seine Tier- und Pflanzenwelt. „Besonders interessant ist eine kleine Waldlichtung, die auf einem Bohlenweg begangen werden kann“, führt der Ökologe aus. Auf der Lichtung wachsen Zeugen der Eiszeit: Pflanzen, die seit der letzten Kaltzeit in der Tundra-artigen Moorlandschaft am Federsee überdauert haben und deren heutige Verbreitungsschwerpunkte die nordeuropäischen Tundren sind. Das im Juni gelb blühende Karlszepter gehört dazu, aber auch die Kriechweide und die Strauchbirke. Diese kleinwüchsigen Schwesterarten unserer bekannten einheimischen Bäume sind an kühles Moorklima mit rauem Wind angepasst. Auch die nur gut zehn Zentimeter hohe Rosmarinheide mit ihren hübschen rosa Blüten ist ein Zwergstrauch mit nördlichem Verbreitungsschwerpunkt. Sie alle können sich gegen schnellwüchsige, Nährstoff liebende Arten nicht durchsetzen, die ihnen Licht wegnehmen. „Um diese Besonderheiten den Besuchern zeigen zu können, mähen wir die Fläche jeden Winter und halten so die Lichtung offen“, ergänzt Einstein.

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