Seltenes Handwerk: So aufwendig ist das Dachdecken bei einem Steinzeithaus

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 Wolfgang Thiel beherscht noch die Technik, ein Schilfdach zu decken.
Wolfgang Thiel beherscht noch die Technik, ein Schilfdach zu decken. (Foto: Laura Grimm)
Laura Grimm

Zwischen den jungsteinzeitlichen Häusern des Federseemuseums Bad Buchau steht zurzeit ein großer Anhänger voller Stroh und eines der Häuser aus der Siedlung Taubried ist komplett abgesperrt. Dieses Haus ist momentan eine Baustelle, denn das alte Strohdach war deutlich in die Jahre gekommen und hatte ausgedient. Zwischenzeitlich wurde das alte Stroh entfernt und es wurde bereits damit begonnen es wieder neu einzudecken. Mittlerweile war es in die Jahre gekommen und schon an manchen Stellen undicht geworden.

Wolfgang Thiel der Inhaber der gleichnamigen Firma und zwei seiner Mitarbeiter sind für diese speziellen Arbeiten extra aus Lübberstedt in Niedersachsen nach Oberschwaben an den Federsee gereist. Die Firma aus dem Norden deckt Reed- und Strohdächer in ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland. Meistens kommen sie ihre Aufträge von Freilichtmuseen, und auch in der Schweiz oder in Südtirol decken sie Reed- und Strohdächer. Sie sind eine der letzten Handwerksbetriebe, die dieses alte Handwerk noch anwenden und solche Dächer decken können. Nachdem die einzelnen Strohbündel ganz eng auf das Dach gelegt wurden, wird mit dem Schlagbrett das Stroh auf das fertige Maß der Eindeckung geschlagen, so dass das Dach glatt wird. Anstatt wie üblicherweise mit Draht werden die Strohbündel beim Steinzeithaus mit einer Schnur befestigt.

Die Dachdecker brauchen für das Eindecken eines Hauses ungefähr acht Tage. Das Wetter beeinflusst ihre Arbeit stark, denn bei Regen können die Arbeiten nicht fortgesetzt werden. Wenn ein Strohdach dann fertig eingedeckt ist, müsse man es für rund 25 bis 30 Jahre nicht erneuern, erklärt Dachdeckermeister Wolfgang Thiel. Aber auch das variiert, je nach Witterung.

Um einen Quadratmeter Reetdach zu decken, werden zehn Bündel Schilf benötigt. Reed ist ein norddeutsches Wort für Schilf. Man könnte meinen, am Federsee wurden die Häuser früher auch mit Schilf gedeckt, da es hier doch mehr als genug davon gibt. Allerdings sind sich die Archäologen einig, so Museumsleiter Dr. Ralf Baumeister, dass das Schilf erst nach der Jungsteinzeit am Federsee zu wachsen begann.

Um ein Dach mit Roggenstroh zu decken, benötigen die Profis aus Niedersachsen pro Quadratmeter rund 50 Kilogramm Stroh. Das Stroh wird für 55 bis 75 Euro aus Polen importiert, da es in Deutschland nicht genügend verwendbares Stroh gibt. Früher war das anders. Die Bauern ernteten das Getreide, meist Emmer, von Hand und so waren die Halme lang genug um sie zum Dachdecken zu verwenden. Seit dem es Mähdrescher gibt, werden die Halme klein geschnitten, was sie für die Strohdachdecker komplett unbrauchbar macht. In der Jungsteinzeit hatten die Menschen verschiedene Möglichkeiten, ihre Dächer zu decken. Entweder sie verwendeten Schindeln, Rinde oder Stroh. Die Archäologen können die Beschaffenheit der Dächer nicht genau rekonstruieren, da es nur wenige Funde gibt, die darüber Aufschluss geben. Das liegt daran, dass es immer weniger Funde gibt, je weiter man an einem Gebäude nach oben geht. Vom Boden und den unteren Wänden gibt es viele Überbleibsel, die im Moor konserviert waren, vom Dach eben nur sehr wenige.

Jetzt kann Wolfgang Thiel und sein Team in die wohlverdienten Handwerkerferien und den Sommer genießen.

Rückblick auf "100 Jahre Federseemuseum"
Das Federseemuseum in Bad Buchau wird 100 Jahre alt. Beschenkt wird aber nicht das Museum, sondern die Besucher- und zwar mit einer Sonderausstellung.
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