Seit 125 Jahren ein Ort des Innehaltens und des Gebets

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Eva Winkhart

Mit einem festlichen Gottesdienst hat die evangelische Kirchengemeinde Bad Buchau den Jahrestag der Kirchweih vor 125 Jahren begangen. Mit Frank Otfried July, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, und Dekan Hellger Koepff aus Biberach war hoher Besuch nach Bad Buchau gekommen. Sie zelebrierten zusammen mit Pfarrer Markus Lutz und Prädikantin Imke Winter den Gottesdienst; die musikalische Umrahmung gestalteten der Kirchenchor, die Klangwerkstatt der Stadtkapelle Bad Buchau und Renate Bechtle an der Orgel.

An gewöhnlichen Sonntagen finden etwa 40 Besucher den Weg in die relativ kleine Kirche in der Karlstraße, schnörkellos weiß verputzt, mit gepflastertem Hof und kleiner Grünanlage, dem hohen Glockenturm ohne Uhr. Der helle, klare Innenraum mit dunkler, holzgetäfelter Decke, der Orgelempore über dem Eingangsbereich, je drei farbigen Glasfenstern in sanften Grau-, Gelb- und Grüntönen bietet Platz für etwa 150 Menschen. Der Altar, die Kanzel sind schlicht, sachlich. Ganze Aufmerksamkeit findet das große Buntglasfenster im Altarraum mit christlichem Motiv im Zentrum. Alle 25 Jahre etwa sei grundlegend renoviert worden, zitiert Pfarrer Markus Lutz aus den Kirchenbüchern. „Die Kirche sieht noch ganz in Schuss aus,“ ergänzt er. Die Kanzel und die Empore benötigten jedoch einen neuen Bodenbelag; dafür sei die Sammlung am Ende bestimmt.

Am 27. September 1894 war der Neubau eingeweiht worden, „unter großer Anteilnahme auch der katholischen und israelitischen Gemeinde“, beschreibt es das Faltblatt der Kirchengemeinde. Nun kamen zu dem besonderen Festtag, dem 125. Jubiläum, fast 100 Gottesdienstbesucher. Sie wurden durch die moderne Musik der Klangwerkstatt überrascht.

Erst 1955 eigene Pfarrei

Pfarrer Lutz erinnerte an die Geschichte der Buchauer Protestanten, die erst 1955 zur eigenen Pfarrei erhoben worden waren. Nach der möglichen Niederlassung von evangelischen Bürgern 1806 hatten sie zu Pflummern, dann zu Schussenried gehört. Über mehrere Zwischenlösungen konnte die Gemeinde ab 1892 ihre heutige Kirche erbauen lassen. So werde das Gebäude heute 125 Jahre alt, die Gemeinde dagegen sei älter. Damals, so Pfarrer Lutz, sei der Bau genau der Anzahl der Gemeindemitglieder angepasst worden. Heute sei er glücklich über die Größe der Kirche: „Man fühlt sich darin nicht verloren, sondern willkommen.“ Nur an besonderen Festtagen würde es eng.

Landesbischof July sagte, er sei gerne nach Bad Buchau gekommen. „Was gibt es Schöneres, als Kirchweih zu feiern!“ Er fuhr fort: „125 Jahre ist ein besonderer Moment hier in der Diaspora“, und erinnerte daran, wie wichtig zur damaligen Zeit ein verlässlicher Raum gewesen sei: „Verlässlichkeit bedeutete Freiheit.“ Orte der Zuflucht würden auch aktuell noch weltweit durch solche Versammlungsräume entstehen. Heute würden hier diese Räume zur Unterbrechung der Routine notwendig, zur Möglichkeit, eine andere Perspektive einzunehmen. Jedoch, ergänzte er, werde ein Kirchenbau erst lebendig durch die dazugehörende Kirchengemeinde. Das Bild von den „lebendigen Steinen“ übernahm er aus den Schriften von Petrus: „Die Kirche ist ein Haus der lebendigen Steine.“ Auch junge Menschen könnten sich hier aufgehoben fühlen, könnten „ein Nest finden“.

Nach Fürbitten und Gebeten, den gemeinsam gesungenen Kirchenliedern mit Orgelbegleitung, mehreren Beiträgen der Klangwerkstatt beendeten die Mitglieder des Kirchenchors unter der Leitung von Stefan Hart den Gottesdienst.

Miteinander der Konfessionen

Auf der Bühne des Gemeindehauses sprach danach Pfarrer Lutz’ katholischer „Kollege“ Martin Dörflinger neben seinen Gratulationsworten vom gelungenen Miteinander der beiden Kirchengemeinden. Er freue sich am Wachstum einer „prägenden Gemeinde“. In verschiedenen Gremien und zu vielen Anlässen arbeiteten beide gut zusammen: beispielsweise bei Schulpatenschaften, in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit, in der Hospizgruppe, bei ökumenischen Schülergottesdiensten oder den Gedenktagen an die Opfer der Pogromnacht. Sie verstünden und ergänzten sich. Außerdem, schloss er mit einem Schmunzeln und Blick auf Pfarrer Lutz: „Wir ticken in manchem ähnlich.“

Bürgermeister Peter Diesch überbrachte die Glückwünsche von der politischen Gemeinde und erinnerte an die Vergangenheit Bad Buchaus: „Das Nebeneinander der verschiedenen Konfessionen hat Buchau immer geprägt.“ Das Grundstück, auf dem die Kirche seit 125 Jahren steht, sei einstmals in katholischem Besitz gewesen, dann in jüdischem. Landesbischof July überreichte er das Buch über das jüdische Leben in Bad Buchau mit zahlreichen berühmten Namen. Die Familie Einstein beispielsweise, von der Albert zwar – „Leider!“, fügte er augenzwinkernd hinzu – in Ulm geboren und damit ein „Enkel von Bad Buchau“ sei.

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