Reichspogromnacht in Bad Buchau: „Grausig scholl das Schreien der fanatischen Horde“

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 Nach der Attacke auf das jüdische Gotteshaus in Bad Buchau: die zerstörte Synagoge.
Nach der Attacke auf das jüdische Gotteshaus in Bad Buchau: die zerstörte Synagoge. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

„Grausig scholl das Schreien der fanatischen Horde durch die stillen Straßen, für jeden Christen 1000 Juden, dazu das Dröhnen vom Rammen der Synagogentür, das mir lebenslang im Ohre liegt und das Splittern des Glases all überall.“ Das schrieb Moritz Vierfelder, Chronist der jüdischen Gemeinde in Buchau, über die Reichspogromnacht in Bad Buchau am 9. November 1938.

SA-Leute zerstören im November 1938 die Buchauer Synagoge

Mitglieder der Sturmabteilung (SA), die paramilitärische Kampforganisation der Nationalsozialisten, aus Ochsenhausen hatten an jenem Tag Feuer in der Buchauer Synagoge entzündet. Zugleich wurden Fensterscheiben eingeschlagen.

Doch die Feuerwehr sowie Polizei des Ortes und der damalige Bürgermeister Öchsle packten gemeinsam an, um das Feuer zu bekämpfen. Die erste Brandlegung der Nationalsozialisten blieb erfolglos, weil Juden und Christen den Brand der Synagoge gemeinsam löschten.

Für die SA Standarte Ochsenhausen war das Misslingen des Brandanschlags Grund genug, in der Nacht von 10. auf 11. November wieder nach Buchau zu kommen und erneut Feuer zu legen. Aber diesmal gossen die SA-Männer große Mengen Benzin in der Synagoge aus – und sie verhängten ein Löschverbot. Zuvor war von den Brandstiftern das wertvolle Museum von Kultgegenständen, das sich in der Synagoge befand, weggeschafft worden.

Die Gegenstände aus Silber, Zinn und anderen Materialien wurden später nicht mehr aufgefunden. Die Feuerwehr durfte in dieser Nacht nur die angrenzenden Gebäude sichern. Die Synagoge, die einst als Prunkstück in der Mitte der Stadt stand, brannte aus. Sie war plötzlich eine Ruine.

Nationalsozialisten lassen die Grundmauern sprengen

Am 10. November musste Moritz Vierfelder mit SA-Leuten, dem Ortsgruppenleiter und dem Bürgermeister zur Synagoge gehen. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er: „Zunächst machte ich auf die wertvollen Thorarollen aufmerksam. Es waren 18 Thoras, die dann Gott sei Dank wirklich gerettet wurden und die wir später mit den Tass und Cymballas wieder ausgehändigt erhielten. Gleich zu Beginn des Vortrags äußerte sich der Stationskommandant aus Liebedienerei für den gefürchteten Ortsgruppenleiter, man solle den Schmutz hier ansehen, worauf ich nicht an mich halten konnte und ihm entgegnete, dass in diesem Gotteshaus stets Sauberkeit geherrscht habe und dass der Niederschlag auf den Gläsern der Vitrinen von Rauche des Erdöls und Benzins von der vergangenen Nacht herrühre.“

Auch auf die wertvollen Museumsgegenstände machte er aufmerksam, die dann auf Anweisung des Bürgermeisters an den Altertumsverein übergeben wurden. Die Nationalsozialisten gaben die Thorarollen und Gebetbücher 1941 der jüdischen Gemeinde zunächst zurück. Indes konnten die Buchauer Juden im Rabbinat der Ruine einen Betraum anlegen.

Als „ein Schandfleck im Stadtbild“ wurde das jüdische Gotteshaus nun bezeichnet. Am 18. November 1938 sprengten Ulmer Wehrmachtspioniere die dicken Grundmauern der Synagoge. Die Kosten der Sprengung in Höhe von 6000 Reichsmark musste die jüdische Gemeinde in Buchau bezahlen.

Die Ziegelsteine des Synagogengebäudes wurden verkauft. Mit den Steinen, die man nicht verbauen konnte, wurden feuchte Moorwege aufgefüllt. Den Synagogenplatz wollte die jüdische Gemeinde der Stadt Buchau schenken. Daher blieb dieser Platz zunächst im Besitz der jüdischen Gemeinde und die Stadt ließ dort einen Park errichten.

Die Organisatoren einer Gedenkfeier am morgigen 9. November in Bad Buchau haben viele Fakten der obigen Ereignisse recherchiert. Zugleich haben sie einen Beitrag zur Erinnerungskultur geleistet. An der Stelle, an dem der Thoraschrein gestanden hatte, wurde 1951 eine Trauerweide gepflanzt, 1981 kam ein Gedenkstein hinzu.

Darüber hinaus erinnert seit 1990 eine Gedenktafel an die jüdische Gemeinde. An Stelle des alten Gotteshauses, am vormaligen Eingang der Judengasse, steht inzwischen auch ein Brunnen in Form eines aufgebrochenen Davidsternes. Auf dem jüdischen Friedhof befinden sich außerdem seit 2007 Steine der einstigen Buchauer Synagoge.

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