Nicht nur dem Rabbi zeigt Mayenberger Schätze

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Schwäbische Zeitung

Hoher Besuch auf heiligem Boden: Landesrabbiner Netanel Wurmser hat den jüdischen Friedhof in Bad Buchau besucht. Hobby-Historikerin Charlotte Mayenberger präsentierte ihm neu entdeckte Schätze. Diese und mehr zeigt sie Besuchern am kommenden Sonntag, dem europäischen Tag jüdischer Kultur.

Von unserer Redakteurin  Heike Neubrand

Grabstein reiht sich an Grabstein, dazwischen sprießt in sattem Grün Löwenzahn: Fast 1000 Seelen haben auf dem jüdischen Friedhof in Bad Buchau seit 1675 ihre letzte Ruhe gefunden. Die darf auf ewig nicht gestört werden, deshalb liegen teilweise drei Grabreihen übereinander.

Buchau hatte eine schöne jüdische Vergangenheit“, sagte Netanel Wurmser von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Der Landesrabbiner war kürzlich auf Einladung von Hobby-Historikerin Charlotte Mayenberger zu Gast. Der aus Stuttgart angereiste Besucher erläuterte, dass der jüdische Friedhof des Kurstädtchens nach dem in Laupheim zu den größeren Regionalfriedhöfen gehöre.

Was für manchen neu sein dürfte: Es gibt noch einen zweiten, älteren und völlig überwachsenen jüdischen Friedhof, an der alten Saulgauer Straße hinter Kappel. „Ich hatte mich auf die Suche nach ihm gemacht, nachdem ich in Quellen Hinweise darauf gefunden hatte“, so Mayenberger. Landesrabbiner Wurmser sagte, dass ihm vorschwebe, dass man den alten Friedhof, der sich in Privatbesitz befindet, vor einer wirtschaftlichen Nutzung schützen könne: „Denn das ist heiliger Boden.“

Stacheldraht verhinderte Zugang

„Wir kümmern uns um dieses Thema“, versprach Bürgermeister Peter Diesch. Der Schultes und Mayenberger berichteten, dass der jüdische Friedhof erst seit 20 Jahren zugänglich und noch in den 1960er/1970er Jahren sogar von Stacheldraht umgeben gewesen sei. Ein geheimnisvoller Ort sei es für ihn als Kind gewesen, so der Bürgermeister. Und die Generation vor ihm habe gar nicht über das jüdische Leben in Buchau gesprochen.

Charlotte Mayenberger aber hält die Erinnerung wach. Am Sonntag, dem europäischen Tag jüdischer Kultur, leitet sie eine Führung (siehe: Auf einen Blick), bei der erstmals auch der Leichenwagen von 1860 bestaunt werden kann, den ihr Gesprächskreis „Juden in Buchau“ gerade restauriert hat. Dem Landesrabbiner konnte Mayenberger auch erstmals am Friedhof-Eingang Steine der einstmaligen Synagoge präsentieren, die vor vier Jahren auf einem Privatgrundstück ausgegraben wurden.

Mayenberger zeigte dem Gast aus Stuttgart auch eine Zeitungs-Anzeige von 1911, in der sich die Hinterbliebenen von Marx Kahn unter anderem für Kranzspenden bedanken. Nun sind auf jüdischen Gräbern zwar keine Blumen üblich (Mayenberger: „Es gilt: An einem Toten soll niemand verdienen“). Doch in Buchau sei die jüdische Gemeinde liberaler als anderswo gewesen. „Das Landleben hat verschiedene Möglichkeiten des Zusammenlebens von Juden und Christen mit sich gebracht“, pflichtete Landesrabbiner Wurmser bei.

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