Mit Augenzwinkern über Liebe und Lust

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Kurt Zieger

„Der Silcherchor und der 1. Mai in Bad Buchau bilden eine feste Größe“, hat Jörg Seethaler in seiner Moderation zum Jahreskonzert im Großen Kursaal festgestellt. Zusammen mit dem Percussionsduo Jessica und Vanessa Porter erlebten die Besucher im ausverkauften Haus einen sängerisch und instrumental musikalischen Abend der Sonderklasse.

Das Gefühl spielt bei Friedrich Silcher und seiner Musik stets eine große Rolle. „Wir singen immer wieder und immer wieder gern Lieder von unserem Namenspatron“, betonte Seethaler. Zu seiner tiefgründigen Erörterung über „Gefühl spiegelt das Seelenleben wider“ passten Silchers Weisen, etwa das heiter gelöste „Der Mai ist gekommen“ oder die Erzählung von der unsterblichen „Loreley“. Dazu wurde bis zu einem verströmenden Pianissimo „In einem kühlen Grunde“ oder das in allen Phasen klanglich abgerundete „Rosmarin und Salbeiblättchen“ auserkoren. Hier spürte man, wie Chorleiter Peter Schmitz mit seiner Schar allen Phasen der Silcherschen Kompositionskunst liebevoll nachspürt.

„Singe, wem Gesang gegeben, das ist Freude, das ist Leben“, passt auch zu Konradin Kreutzer und seiner Verbindung zu Ludwig Uhland. Seine „Freie Kunst“ oder seine „Waldesnacht“ mit ihren weichen und dennoch klar strukturierten Bogen gehören zu seinen weniger bekannten doch recht anspruchsvollen Werken in reinen A-capella-Sätzen.

Schumanns ausdrucksvoller „Waldchor“ mit seinen weit schwingenden Einheiten zeigt mitten in das Reich der Romantiker. Mit Schmitz am Flügel überzeugte der Chor mit ausgewogenen Steigerungen, die alsbald in dezente Passagen weitergeführt wurden. Hier durfte das im Programmheft angesprochene Gefühl der Sänger gut nachvollziehbar umgesetzt werden. Dies gilt auch für Rossinis „Preghiera“. Er kurte zwar in Bad Wildberg („weil er Bad Buchau noch nicht kannte“), doch seine Lebensfreude war auch in der Originalsprache zu spüren. Spritzig, freudetrunken, chorisch äußerst anspruchsvoll die Saltarelle von Camille Saint-Saëns als süditalienischem Tanz, eine weitere Kostbarkeit, wie sie in ihrem Schwierigkeitsgrad in unserer Region vielleicht nur der Silcherchor so überzeugend interpretieren kann.

Dezente Passagen hingegen passten zu einem „Hauch von Grün“ im „Frühlingsweben“ des Zeitgenossen Gerd Sorg. „Nimm dir ein schönes Weib für Freude und Leiden“ spricht aus seiner „Liebe für Juwelen“, was sich jedoch auch in engen Linien, fugenartigen Elementen und aussagekräftigen Akkorden als Möglichkeit interpretieren lässt, dass plötzlich alles aus ist und: „Man bleibt besser allein“. Locker, verschmitzt hingegen die ergötzliche Story vom Tunichtgut, dem Vagabunden, rau in der Schale, weich im Kern, anregend zum Schmunzeln, denn „Jedes Mädchen hat ihn gern“.

Mit viel Schalk im Nacken

„Schönes Wetter heute und so nette Leute“ – locker, beschwingt, so zeigte sich der Silcherchor im Reich der heiteren Muße auch von seiner eleganten, verführerischen, einschmeichelnden Seite, stets mit Gefühl und Schalk im Nacken. Mit spitzbübischem Charme der unverwüstliche Evergreen „La-le-lu“ von Heino Gaze, rhythmisch präzise, auch mit lautmalerischen Einwürfen Cooleys „Fever“ und dann „Lass mich dein Badewasser schlürfen“. Nur so könne man sich auch in einem anspruchsvollen Arrangement „auf dem Sofa ahlen“ und „ihre Steuern zahlen“. Geradezu nachdenklich der Schluss: „Wer hat wohl die Welt auf den Kopf gestellt ? Wie kann es sein, du fehlst mir so sehr, morgen werden wir weitersehn.“

Dazwischen ernteten Jessica und Vanessa Porter als phänomenales Percussion-Duo Stürme der Begeisterung mit ihren faszinierenden Klangimpressionen. Jeweils mit vier Schlägeln boten sie technisch versiert virtuose, brillante und punktgenaue Wiedergaben etwa von Maurice Ravels „Alborada del Gracioso“ oder Avner Dormans „Udacrep Akubrad.“ Die beiden Ausnahmemusikerinnen erzeugten mit ihrem rasanten Spiel über die ganze Breite ihrer Instrumente eine knisternde Atmosphäre, der sich niemand entziehen konnte. Verschiedenartige Schlägel erzeugten vollkommen unterschiedliche Stimmungen, wobei neben dem ersten Einsatz von Trommeln und dem Musizieren mit reinen Händen der ganze Klangreichtum der beiden Marimbaphone ausgenützt wurde.

Hochkonzentriert, äußerst agil mit bestechend homogener Musizierweise schuf das Duo ein bestaunenswertes Hörvergnügen, bei dem Noten für die Akteure nur hinderlich wären. Alles floss wie aus einem Guss, in rasendem Tempo und doch klanglicher Tiefe. Bei den zeitgenössischen Werken „Lemuria“ von Csaba Zoltan Marjan oder „Trio per uno“ von Nebojsa Jovan Zivkovic als reinem Trommelset wechselten frappierende Steigerungen mit überraschenden Ruhepausen, aus denen unversehens neues Leben erwacht. Frenetischer Beifall galt einem faszinierendem virtuosen Hörvergnügen.

Doch kein Konzert mit dem Silcherchor ohne das abschließende „Schöne Nacht“ in seiner kaum zu überbietender Innigkeit.

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