„Mächtige Chorfrauen hatten große wirtschaftliche Macht, lebten aber fromm im Stift“

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 Dominierte die Landschaft rund um Bad Buchau: das einstige Reichsstift Buchau.
Dominierte die Landschaft rund um Bad Buchau: das einstige Reichsstift Buchau. (Foto: Archiv: Guy-Pascal Dorner)
Schwäbische Zeitung

Es gilt als die Keimzelle der Stadt Bad Buchau und prägte die Entwicklung des dortigen Gemeinwesens maßgeblich: das einstige Reichsstift Buchau. Seine Gründung geht angeblich auf Adelindis und deren Mann Graf Warin im Jahr 770 zurück, eine Tochter Herzog Hildebrands von Schwaben. Ab dem 14. Jahrhundert entwickelt sich die Einrichtung zu einer Herrschaftseinrichtung, die das öffentliche Leben in Buchau prägte. Bis zu 14 Stiftsdamen haben gleichzeitig in dieser geistlichen Institution gelebt. Die Tübinger Historikerin Agnes Schormann hat sich mit dem Leben der „herrschenden“ Stiftsdamen befasst und wird in einem Vortrag am Sonntag, 10. November, 19 Uhr, im Bischof-Sproll-Haus erklären, wie deren Lebenswelt im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ausah. SZ-Redakteur Kai Schlichtermann hat mit ihr darüber vorab gesprochen.

SZ: Frau Schormann, was ist an der Geschichte des Reichsstifts Buchau für den modernen Menschen noch interessant?

Agnes Schormann: Zunächst spielte das Reichsstift für die Entwicklung der Geschichte von Bad Buchau eine sehr große Rolle und es ist eines der ganz wenigen Stifte dieser Art in Süddeutschland, das in der frühen Neuzeit reichsweite Bedeutung erhielt. Faszinierend ist, dass dort Anfang des 16. Jahrhundert sechs sehr mächtige Chorfrauen lebten, die einerseits große wirtschaftliche Macht hatten, aber andererseits sehr fromm und abgeschlossen im Stift lebten. Aber die Vorsteherin, die Äbtissin, hatte zugleich überregionalen Einfluss, weil sie im Reichsstand war.

Wie kann man sich den Alltag der Damen vorstellen?

Oft wird das Stift als eine Versorgungsanstalt für adelige und unverheiratete Damen betrachtet. Die damaligen Regelwerke waren aber streng und geistlich geprägt. Das heißt, sie verbrachten den Großteil der Tage mit der Teilnahme an Gottesdiensten, Chorgebet und Fürbitte. Sie kümmerten sich daneben um das Totengedenken der Stifter und Geldgeber der Einrichtung. Die Stiftsfrauen durften aber auch das Stiftsgebäude verlassen und konnten Kontakt zu Menschen in den umliegenden Dörfern aufnehmen. Schließlich mussten sie dort Entscheidungen treffen: Da ging es auch um Rechtsprechung oder wirtschaftliche Fragen. Fakt ist, dass diese Damen fast ihr ganzes Leben im Reichsstift verbracht haben und oftmals ihren Besitz dem Stift oder im Stift gebliebenen Chorfrauen vererbten. Mitunter verließ die eine oder andere Dame Buchau, wenn sie geheiratet hat.

Männer lebten also im Umfeld der Stiftsdamen?

Ja, in dem Stift lebten seit dem Mittelalter in der Regel auch Kanoniker. Diesen Männern war es vorbehalten, die sakramentalen Handlungen durchzuführen. Nur Männer durften beispielsweise die Beichte abnehmen. Gleichwohl dominierten die Stiftsfrauen das Reichsstift: Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert lebten in Buchau sechs Chorfrauen und vier Chorherren, die gemeinsam in der Kapitelversammlung die Geschicke des Reichsstifts Buchau lenkten.

Waren somit Frauen die damaligen politischen Führerinnen in Bad Buchau?

Sie hatten klar das Sagen, zumal in zahlreichen anderen Stiften im damaligen Reich oftmals die Äbtissinen das letzte Wort hatten. Doch in Buchau wurden in der besagten Zeit des Spätmittelalters und frühen Neuzeit Entscheidungen gemeinsam in der Kapitelversammlung getroffen. Und diese gemeinsamen Entschlüsse haben dominiert. Das ist eine der Besonderheiten des Reichsstifts Buchau. Dennoch waren besondere Rechte, wie etwa Pfründenvergabe, in der Hand der Äbtissin.

Heile Welt in Buchau?

So würde ich das nicht sagen, auch wenn die Quellenlage über Konflikte in dem Stift unklar ist. Probleme versuchte man auch oft mit Hilfe von neuen Regeln zu lösen. Was die Forschung ebenfalls herausgefunden hat, ist die Tatsache, dass die Reformation im 16. Jahrhundert keinen Einfluss auf das Stift in Buchau hatte. Konflikte mit der katholischen Obrigkeit gab es in Buchau nicht, die Stiftsdamen waren glaubenstreu. Ganz im Gegensatz zu anderen geistlichen Einrichtungen, die unter anderem zum Aussterben verurteilt waren.

Warum halten Sie ausgerechnet über ein solches Thema einen Vortrag in Bad Buchau?

Pfarrer Martin Dörflinger fragte mich, nachdem ich ein Referat bei einer Tagung über Frömmigkeit in Oberschwaben gehalten hatte, ob ich einen Vortrag über das Stift Buchau angesichts der anstehenden 1250-Jahr-Feier Bad Buchaus halten will. Das habe ich spontan zugesagt, zumal ich mich mit dem Thema Stifte in meiner Dissertation beschäftigt habe. Denn das Thema Stiftsleben ist insofern hochinteressant, weil Frauen in diesen Einrichtungen sehr unabhängig handelten und viel Macht ausübten. Oft heißt es ja, im Mittelalter und der frühen Neuzeit hätten Frauen nur wenig politischen und wirtschaftlichen Einfluss gehabt.

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