NABU-Mitarbeiterin Hannah Konrad bei der Fertigstellung des Wildbienenhauses.
NABU-Mitarbeiterin Hannah Konrad bei der Fertigstellung des Wildbienenhauses. (Foto: Max Bensberg)
Schwäbische Zeitung

„Kost und Logis frei“ hießt es künftig für die Gäste des Nabu-Naturschutzzentrums Federsee – sofern man eine Wildbiene ist und dringend einen Platz für die Kinderstube sucht. Das neue Wildbienenhaus des NABU-Zentrums bietet einer Reihe von Wildbienenarten Unterschlupf.

„In unserer ausgeräumten Landschaft und in sauber aufgeräumten, sterilen Gärten finden die wild lebenden Kolleginnen der von uns Menschen gehaltenen Honigbiene häufig keine geeigneten Plätze für ihre Eiablage.“ bemängelt Dr. Katrin Fritzsch, Leiterin des Naturschutzzentrums Federsee. Für ihre Brutröhren bräuchten sie morsches Holz, Lehm, Erde, Sand oder hohle Pflanzenstängel. Und so bietet die neue Wildbienennisthilfe vor dem NABU-Zentrum mit Schilfhalmen, Pflanzenstängeln und in Holz vorgebohrten Löchern einigen Arten geeignete Plätze für ihre Kinderstuben. Inmitten Wildbienenpflanzen positioniert, bietet das Hotel Mama Wildbiene auch gleich ein vielfältiges Buffet.

Anders als die Honigbiene leben ihre wilden Verwandten meist nicht in Staaten, sondern einzeln. Daher sind Wildbienen ausgesprochen friedfertig und verteidigen ihr Nest nicht – gegen Angreifer könnte eine Wildbiene allein ohnehin nichts ausrichten. Und sie produzieren auch keinen Honig. „In Deutschland gibt es rund 560 Wildbienenarten, in Baden-Württemberg rund 460 Arten“ weiß die Biologin.

Noch mehr als Nistplatzmangel macht Nahrungsknappheit vielen Wildbienen zu schaffen. Nektar als Treibstoff für die erwachsenen Tiere muss ständig vorhanden sein. Und für den Nachwuchs brauchen sie geeignete Nahrung. „Wildbienenweibchen deponieren als Erstlingsnahrung ein Pollenpäckchen in der Niströhre, von dem sich die schlüpfende Bienenlarve ernährt“ erläutert die NABU-Mitarbeiterin. Damit kommt den Wildbienen eine wichtige Bestäubungsleistung zu. „Allerdings sind Wildbienen teilweise ausgesprochene Feinschmecker. Viele Arten haben eine enge Bindung an bestimmte Pflanzenarten, wie die Mai-Langhornbiene. Sie sammelt den Pollen für ihre Brut fast ausschließlich an der Zaunwicke. Fehlt die lila blühende Rankepflanze, gibt es keine Mai-Langhornbiene mehr“ gibt Fritzsch zu bedenken. Auch die Wildbiene des Jahres 2020, die Auenschenkelbiene, ist spezialisiert, nämlich auf Gilbweiderich. Dort sammelt sie – anders als die meisten Wildbienen - statt Nektar Öltröpfchen aus den Blüten. Ihre Larven bekommen als Nahrungsvorrat einen aus Öl und Pollen bestehenden „Ölkuchen“. Durch diese Abhängigkeit von Wildpflanzen stünden laut Fritzsch in Deutschland über die Hälfte aller Wildbienenarten auf der Roten Liste.

„Nicht nur bei Wildbienen, auch bei vielen anderen Insekten sind Flächenversiegelung, Monotonisierung und Intensivierung der Landwirtschaft und somit Verlust von Ackerrandstrukturen und Vergiftung durch Pestizide die Ursache von drastischen Bestandsrückgängen“ beklagt die Biologin. Bei Wildbienen sei dies besonders prekär, weil deren Bestäubungsleistung nicht einfach von Honigbienen übernommen werden könne: Kaffeeblüten beispielsweise würden zu 100 Prozent durch Wildbienen bestäubt – für die bekennende Kaffeeliebhaberin wäre das, so sagt sie, eine mittlere Katastrophe –, Birnen immerhin noch zu 70 Prozent und Erdbeeren zu 50 Prozent.

Zu den von Bestäubung abhängigen Pflanzen gehören jedoch nicht nur Obstbäume, sondern auch großflächig angebaute Ackerpflanzen wie Raps, bei dem Wildbienen über die Hälfte aller Blüten befruchten. Ein weiteres Plus für Wildbienen: sie sind häufig die geschickteren Besucher. Fritzsch erklärt: „Wildbienen sind Turbo-Bestäuber: Sie steuern in derselben Zeit etwa doppelt so viele Blüten an wie Honigbienen, fliegen auch schon bei kühleren Temperaturen und sogar bei leichtem Regen aus. Dank ihrer pelzigen Behaarung bleibt mehr Pollen kleben, so dass sie bessere Pollenüberträger sind“.

Durch naturnahes Gärtnern mit einem vielfältigen heimischen Wildpflanzenangebot und durch die Schaffung von Nistmöglichkeiten können Naturfans Wildbienen und anderen Insekten effektiv helfen. „Wer in Zeiten von Corona Lust auf ein handwerkliches Projekt für den Garten hat und gleichzeitig die künftige Obsternte sichern will, ist mit dem Bau eines Wildbienenhotels gut beraten“ empfiehlt Fritzsch.

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