Konzert erzeugt spürbare Nachdenklichkeit

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 Verena Stei (Cello) und Martina Wolf am Flügel gestalteten eine musikalische Gedenkstunde zur Reichsprogromnacht in Bad Buchau.
Verena Stei (Cello) und Martina Wolf am Flügel gestalteten eine musikalische Gedenkstunde zur Reichsprogromnacht in Bad Buchau. (Foto: Kurt Zieger)
Kurt Zieger

Er stand nicht im Vordergrund, der strahlende Glanz des beflügelnden Musizierens, der den stets herausragenden Konzerten mit Verena Stei (Violoncello) und Martina Wolf (Klavier) eigen ist. Bewusster Verzicht auf Beifall während des Konzerts und langes Schweigen nach dem Konzertende zeigten, dass das Anliegen der beiden Künstlerinnen, Komponisten mit jüdischem Hintergrund in den Blickpunkt zu rücken, vom Publikum voll akzeptiert wurde.

Das Bild der Buchauer Synagoge stets im Rücken der beiden Instrumentalistinnen und die Einführung durch Pfarrer Markus Lutz schufen eine von Beginn an nachdenkliche Atmosphäre im voll besetzten evangelischen Gemeindehaus. Der Hinweis des Pfarrers, dass die Buchauer Synagoge wohl auch mit Glocken versehen war, gipfelte in seiner Überzeugung, dass somit in der zeitlichen Reihenfolge katholische, jüdische und evangelische Glocken verbindende Verkünder des Glaubens darstellten. Auf diesem Hintergrund ließen Verena Stei und Martina Wolf Werke von glaubensmäßig betroffenen Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts in ihrer zumeist Nachdenklichkeit erzeugenden Aussagekraft erklingen.

Als Bindeglied und bewusste Gliederung fungierte die dreiteilige Suite „From Jewish Life“, von Ernest Bloch, 1924 in Cleveland geschrieben. Klagend und daher bereits zu Beginn nachdenklich stimmend der „Jewish Song“ mit volkstümlichen und liturgischer Elementen versehen. Während sich hier Cello und Klavier in bittenden und eindringlich flehenden Phasen auf Augenhöhe begegnen, beherrschte eine leidenschaftlich vorwärts agierende Melodie im Cello die „Supplication“. Nach dazu passenden dezent ziselierenden Klängen des Klaviers übernimmt das Cello im abschließenden „Prayer“ eine aus der Tiefe kommende Gebetshaltung aus dem jüdischen Leben, die niemand unberührt lässt.

Das „Kaddisch“ ist im Grunde ein Totengebet, das der Zeitgenosse Maurice Ravel in eine instrumentale Fassung gekleidet hat. Auch hier beeindruckte die Intensität, mit der beide Künstlerinnen sich der kompositorischen Vorlage angenommen und sie gedeutet haben. Klage und Hoffnung kamen in vielfältiger, ganz nach innen gerichteter Weise zum Ausdruck. Jeglicher Beifall hätte die tief empfundene Stimmung zerstört.

Dazu passend das in allen Bereichen Ruhe ausstrahlende Werk „Spiegel im Spiegel“ des 1935 geborenen Komponisten Arvo Pärt aus Estland. Jeder Ton beider Instrumente kann sich durch die permanent zarte Wiedergabe in seiner ganzen wohl länderübergreifenden Schönheit entfalten und findet so den Weg zu den Zuhörern. Wer die beiden Interpretinnen aus anderen Konzerten mit Energie und musikalischer Dynamik kennt, kann dieses themengerechte Sich-Zurücknehmen als Ausdruck künstlerischen Reife nur mit Lob und Anerkennung registrieren.

Auch das „Kol Nidrei“ von Max Bruch in der musikalischen Sprache des beginnenden 20. Jahrhunderts basiert auf einem Totengebet. In der Ruhe verkündeten Schönheit der Zwiegespräche beidcr Instrumente zeigte sich eine verwandte und doch andere Art, Begegnungen mit Verfolgung, Niederdrückung und Tod auf musikalische Weise zu verarbeiten.

Ob im gesamten Klangraum des Cellos, ob mit dezenter Bogenführung oder aufwallenden Sequenzen, ob mit ausdrucksstarken Solis über gebrochenen Akkorden oder verschwindenden Endungen im Pianissimo: Verena Stei zeigte überzeugend die Vielseitigkeit ihrer musikalischen Empfindungen auf eindrucksvolle Weise. Stets ebenbürtig agierte Martina Wolf am Flügel. Dezent in Szene gesetzte Umrankungen und Überspielungen kamen ebenso aus der Tiefe ihres künstlerischen Vermögens wie kraftvolle Passagen, ausdrucksstarke Melodik und eine Ruhe ausstrahlende Sicherheit auch auf diesem bedrückenden Hintergrund ganz zeitnaher Geschichte.

Choralartige Passagen in einem ausdrucksvollen Adagio-Satz aus einer Sonate von Felix Mendelssohn-Bartholdy boten den empfindungsvoll passenden Abschluss dieser musikalischen Gedenkstunde zur Reichsprogromnacht. Erst nach langem Schweigen der Zuhörer setzte der verdiente Beifall für die beiden Künstlerinnen ein, die mit Einfühlungsvermögen und vielen melodischen Passagen diese Epoche der Geschichte Bad Buchaus zum Schwingen brachten.

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