Klezmer versprüht ganz eigenen Reiz

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Schwäbische Zeitung
Kurt Zieger

Mit ihrer Ausstrahlung, mit Stimme und Akkordeon bindet Revital Herzog ihre Zuhörer stets in eine völkerverbindende Gemeinschaft ein. Geboren in Reutlingen, aufgewachsen in einem Dorf bei Tel Aviv, mit familiären Wurzeln aus Jugoslawien, Persien und dem Irak stellen ihre Erzählkonzerte stets einen Beitrag zur Völkerverständigung dar. So auch im Goldenen Saal Bad Buchau, wo vor allem die leisen Töne zum Nachdenken einluden, andererseits durch die Musik entspannend wirkten.

Mit langgezogenen Melodieeinheiten ihres Akkordeons lässt Revital Herzog dem Thema ihres Abends entsprechend die Besucher „einen Hauch Wüstenwind“ spüren. Doch ohne Übergang wechselt die Stimmung zu bewegten Phasen mit einer immer wiederkehrenden Thematik. Zusammen mit variabel sich veränderter Begleitung ergibt dies die musikalische Umsetzung der Winde in der Wüste, die auch nicht immer gleichbleibend blasen. Den zeitlichen größeren Anteil ihrer Präsentation nehmen Geschichten ein, denen man vor allem ob der feinsinnigen Wiedergabe gerne zuhört.

Ihr Shalom bezeichnete sie als Verbindung der jüdischen und der deutschen Sprache. Dazu kommt arabischer Humor, übernommen aus ihrer großen Familie der Märchenerzähler, der sie sich in verschiedenen Sprachen der Welt verbunden fühlt. Auch ihr Großvater stand in seinem kleinen Kiosk mitten in der Stadt, beherrschte mindestens sieben Sprachen und erzählte Geschichten, nicht nur aus tausendundeiner Nacht. Erinnerungen mit oft hintergründigem Humor gehörten auch zum Leben ihrer Großmutter.

Revital Herzog lernte das Akkordeonspielen bei einem Lehrer aus Jugoslawien. Eigentlich wollte sie auch Folklore spielen, doch über die Klassik kam sie zur Klezmermusik. Ihre ursprüngliche Musikalität verbindet sie mit virtuosen Läufen und dem Gespür für farbenfohe Akkordvielfalt. Dies wiederum passt zu ihrer Gabe als Märchenerzählerin, als ihr Großvater von einer Reise mit dem Kamel berichtete, bei der das Auge eines Kamels mit Goldmünzen aufgewogen werden sollte. Mit zumeist geschlossenen Augen stellt die Künstlerin israelitische Tänze vor, vertieft sich in die Musik und bildet durch die gut ins Ohr gehende Harmonik Brücken zwischen Sprache und Musik.

Klezmermusik gibt es auch in großen Besetzungen vor allem für Trompeten. Herzog jedoch stellt eigene Bearbeitungen für ihr Akkordeon vor, die in ganz speziellen Verbindungen von Melodie und Rhythmus mit klaren Eckpunkten ihren eigenen Reiz entfalten, der die Zuhörer gefangen nimmt. Ihr Vater hat seine ganze Familie in einem Konzentrationslager verloren. Revitals Geschichten und Musik stellen auch aus dieser Perspektive ein Stück Versöhnung dar. Vor allem die leisen nachdenklichen Phasen in ihren Geschichten übten eine besondere Faszination auf die Zuhörer aus.

Auch Klezmermusik aus Rumänien beginnt mit melodisch schwermütigen Abschnitten, um alsbald jedoch in tänzerische Strukturen mit Anklängen an Griechenland überzuwechseln. Das spürbare Versunkensein der Interpretin in die Musik als Teil ihrer Botschaft wechselt zu köstlichen Anekdoten über einen Feldhasen in der Zitronenplantage wie auch der Frage, ob Schweinebraten etwas in einem jüdischen Kühlschrank zu suchen hat. Hier zeigt sich der erstaunliche Großmut einer kosmopolitisch denkenden Frau und ihrer Überzeugung, dass die Welt von vielen Strömungen durchzogen wird. Dies wiederum passte zu der Pilgerfahrt eines jungen Mannes mit leuchtend gelben Augen, der mit einem Esel mit auffallend großen Ohren nach Jerusalem unterwegs war, vielen Menschen zum Staunen und Nachdenken verhalf und der Überzeugung, dass „Hava nagila hava – wir freuen uns und singen“ völkerverbindend auf der ganzen Welt musiziert und gesungen wird.

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