Kein Job für Langschläfer

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 Jost Einstein beim Kartieren auf dem Federseesteg.
Jost Einstein beim Kartieren auf dem Federseesteg. (Foto: Nabu)
Kerstin Wernicke

Mit über 270 Vogelarten ist das Federseemoor Europäisches Vogelschutzgebiet und von Birdlife International als Europareservat ausgezeichnet. Niemand kennt sich in der Vogelwelt des Moores so gut aus wie Jost Einstein, der Leiter des Nabu-Naturschutzzentrums Federsee. Derzeit kartiert er die Brutbestände im Federseemoor.

Eine lange Folge konstanter Töne, die sich anhören wie „sib sib sib“ – Jost Einstein blickt kurz in die Luft, nickt bestätigend und zeichnet in die Gebietskarte das deutschlandweit standardisierte Kürzel „W+“ für „Wiesenpieper singt“ ein. Mit dem typischen Fluggesang markiert der unscheinbare Piepmatz sein Revier. Das Männchen erhebt so gegenüber männlichen Artgenossen Anspruch auf ein geeignetes Territorium. Wiesenpieperdamen dagegen sind aufs herzlichste willkommen. Denn mit dem Gesang vermitteln die Vogelkavaliere gleichzeitig, dass hier ein Prachtkerl ein schönes Nahrung bietendes Revier besitzt und nichts gegen eine Familiengründung hätte. „Mit jährlich 20 bis 40 Revieren ist das Federseemoor das bedeutendste Brutgebiet dieses selten gewordenen Bodenbrüters in Baden-Württemberg“ freut sich Einstein.

Frühwarnsystem für Rückgänge

„Die Kartierergebnisse rund um den Federsee fließen ein in bundesweite, standardisierte „Monitoring-Programme“, die langjährige Bestandsentwicklungen abbilden und damit auch als Frühwarnsystem für Besorgnis erregende Rückgänge einzelner Arten dienen“ berichtet der Vogelkenner. Aber wie erkennt der Ornithologe in diesem großen Gebiet, welcher Vogel wo sein Revier hat? Und wie verortet er diesen in der detaillierten topografischen Karte? „Die meisten Vögel bewohnen während der Brutzeit ein fest umrissenes Revier. Gesang, Balz- oder Warnverhalten, ein zusammenhaltendes Paar oder Kämpfe an der Reviergrenze zeigen die Territorien an. Überall in der Landschaft gibt es sozusagen unsichtbare Gartenzäune, die die Reviere voneinander trennen. Mit entsprechender Erfahrung ist das gut zu erkennen“ erklärt der Experte, der sich schon als kleiner Junge für die Vogelwelt am Federsee interessierte. Seither hat er für viele Vogelarten erfolgreiche Artenschutzkonzepte entwickelt, wie beispielsweise für das gefährdete Braunkehlchen, das von einem neuartigen Mahdregime profitierte. Unter Ornithologen genießt Einsteins Fachkenntnis internationales Renommé.

Das „Schilfschwein“ ist scheu

Weiter geht die festgelegte Kartierstrecke an einem mit Schilf bewachsenen Graben entlang. Plötzlich ein lautes Quieken aus dem Schilf. Zu sehen ist nichts. Einstein notiert dennoch „WR+“ für „Wasserralle“. Zwar zeigt sich dieser unscheinbare Schilfbewohner fast nie, doch seine Rufe sind unverwechselbar – nicht umsonst wird er auch als „Schilfschwein“ bezeichnet.

„Die frühen Morgenstunden sind die schönsten im Moor. Noch ist die Luft angenehm kühl, kein menschliches Geräusch stört die Akustik, und an den Triebspitzen der Schachtelhalme hängen Tautropfen“ sagt Jost Einstein, der zu dieser Jahreszeit beinahe täglich frühmorgens das Ried durchstreift – sofern das Wetter günstig ist. Denn es gilt, in wenigen Wochen sämtliche Lebensräume abzugehen. „Die meisten Vögel zeigen die größte Gesangsaktivität morgens, von vor Sonnenaufgang bis drei Stunden danach“ berichtet der Naturschützer. „Wann ein Vogel mit dem Gesang beginnt, ist artspezifisch und verhindert, dass alle Vögel gleichzeitig singen. Man kann beinahe die Uhr danach stellen. Hausrotschwänze gehören zu den Frühaufstehern, sie starten weit über eine Stunde vor Sonnenaufgang“ verrät der Vogelexperte. Stare seien vergleichsweise Langschläfer: ihre innere Uhr klingle erst eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang.

Nach drei Stunden sind die für heute vorgesehenen Probeflächen kartiert und Einsteins Wathose durchnässt. Am Schreibtisch werden die Karten ausgewertet und nach Abschluss der Kartiersaison die Ergebnisse zusammengezählt. Aus den jährlichen Summen lassen sich die Bestandsentwicklungen ablesen. Und weil die Ansprüche der einzelnen Vogelarten an ihre Lebensräume bekannt sind, kann daraus auf Veränderungen in der Landschaft geschlossen werden. „Die Bestandsaufnahmen sind die Basis für die Entwicklung von Schutzmaßnahmen und die Landschaftspflege im Federseeried“, so Einstein. Davon profitiert die gesamte Lebensgemeinschaft, denn Vögel sind die Endglieder in den Nahrungsketten und ein Spiegel der darunter liegenden Ebenen. Als leicht und einfach erfassbare Indikator-Arten zeigen sie, ob es auch Insekten und anderen Kleintieren gut geht.

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