Fronten werden aufgeweicht

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Erst gegen Saisonende konnte die neue Dauerausstellung 2017 eröffnen und erzielte deshalb das höchste Defizit der vergangenen Ja
Erst gegen Saisonende konnte die neue Dauerausstellung 2017 eröffnen und erzielte deshalb das höchste Defizit der vergangenen Jahre. (Foto: Grüninger)
Schwäbische Zeitung

An der Ausgangssituation scheint sich nichts geändert zu haben: Nach wie vor weigert sich der Altertumsverein, den neuen Betreibervertrag zu unterzeichnen, der Stadt und Gemeinderat mehr Kontrolle über das Federseemuseum gewährt. Und nach wie vor drängt die Stadt auf einschneidende Veränderungen, um der defizitären Entwicklung des Museums Einhalt zu gebieten. Am Ende der zweistündigen Mitgliederversammlung des Altertumsvereins gab es am Donnerstagabend dennoch zarte Zeichen in Richtung Kompromiss: Bei einem Vorort-Termin im Museum möchte der Altertumsverein den Räten nun die Betriebsabläufe erläutern. Dann wird man sich wohl über eine Änderung des Vertragsentwurfs unterhalten, mit der beide Seiten leben können.

Etwas dramatisch stimmte Dr. Karl Sandmaier auf den Abend im „Haus der Musik“ ein: „Es könnte ja sein“, so der Vorsitzende des Altertumvereins, „es ist das letzte Mal, dass wir in diesem Zusammensetzung den Haushaltsplan beschließen können – und dürfen.“ Tatsächlich stand der Haushaltsplan des Vereins für Altertumskunde und Heimatpflege mit Federseemuseum schließlich gar nicht mehr zur Debatte. Zu viel war während der Versammlung geschehen.

Diesch: „Aufs Übelste beschimpft“

Einen größeren Raum nahm die Stellungnahme von Bürgermeister Peter Diesch ein, von Amtswegen im Vereinsvorstand. Ohne bestimmte Namen zu nennen, wehrte sich Diesch heftig gegen die „heftigen und in meinen Augen völlig unsachgemäßen Vorwürfen“, die in der Berichterstattung und einem Leserbrief zu diesem Thema geäußert worden waren. Erst auf seine Initiative hin habe Professor Dr. Claus Wolf als Präsident des Landesamts für Denkmalpflege – bislang mündlich – zugesichert, die Hälfte der Kosten für die Museumsleiterstelle zu übernehmen. Diesch sprach von einer „völlig bizarren und paradoxen Situation“: „Da liefert das Museum 2017 die schlechtesten Besucherzahlen der letzten 18 Jahre – aber niemand kommt auf die Idee, die Museumsleitung verantwortlich zu machen oder gar zu kritisieren. Und auf der anderen Seite ist es dem Bürgermeister gelungen, einen jährlichen Zuschuss von 40 000 Euro herauszuschlagen – und wird seither kritisiert und auf das Übelste beschimpft.“

Dabei stehe die Stadt zum Federseemuseum, betonte Diesch. „Aber es gilt Leitplanken einzuhalten; irgendwo sind auch Grenzen zu ziehen; die wirtschaftlich schwache Stadt Bad Buchau kann und wird nicht endlos Defizite auffangen können.“ Es sei an der Zeit, „um endlich auch unangenehme Dinge anzusprechen und unpopuläre Maßnahmen anzudenken.“

Darunter verstehen Verwaltung und Gemeinderat wohl auch Einsparungen bei den Personalkosten. Eine Anpassung des Mitarbeiterbestands an die Nachfrage sei bislang ein Tabu. „Warum eigentlich?“, ließ der Bürgermeister als Frage im Raum stehen.

Im Blick hatte Diesch nicht allein das Defizit von 55 000 Euro aus dem Jahr 2017, laut dem Vereinsvorsitzenden Sandmaier ein „Kollateralschaden“ aus der besucherschwachen Großen Landesausstellung. Für die Stadt dagegen klafft die Schere zwischen Personalkosten und Eintrittserlösen bereits 2007 „deutlich auseinander“. „Wir verzeichnen schon seit Jahren konstant sinkende Besucherzahlen“, so Diesch: von mehr als 60 000 Gästen im Jahr 2000 bis knapp 30 000 im Jahr 2015. „Trotz vielfacher Bemühungen, die Einnahmenseite zu verbessern – und da waren wirklich tolle Sonderausstellungen und Events dabei – nachhaltig erfolgreich war nichts. Und das hat nichts mit irgendwelchen Sonderfaktoren wie Wetter oder ungünstig gelegene Ferien oder Sonstigem zu tun: die langfristige Entwicklung ist eindeutig!“ Nicht einmal der Unesco-Titel habe „erkennbar mehr Besucher ins Museum gebracht“. Im Vergleich zum Museumsdorf Kürnbach mit 60 000 und dem Campus Galli mit 80 000 Besuchern spiele das Federseemuseum „nicht mehr in der gleichen Liga“, argumentierte Diesch, ohne aber die Kosten- und Zuschusssituation der beiden Einrichtungen zu erläutern.

Museumsleiter Dr. Ralf Baumeister wollte diese Zahlen nicht unkommentiert stehen lassen. In seiner Statistik brachte er die Besucherzahlen in Zusammenhang zu besonderen Ereignissen wie der Eröffnung des Freigeländes, wo zudem mit Hilfe der EU-Förderung Leader zusätzliche Mitarbeiter besondere museumspädagogische Angebote schaffen konnten. „Damals haben wir das Dreifache an Budget für Werbung gehabt und das Vierfache für Archäotechniker. Wir haben schon Einsparmaßnahmen hinter uns.“

Die Zahlen ab 2008 seien dagegen europaweit „vergleichbar für ein Haus in unserer Größenordnung in einer Randlage“. An die Versammlung, insbesondere die Stadträte, gewandt, sagte der Museumsleiter: „Glauben Sie denn wirklich, dass wir die letzten 15 Jahre nur da gesessen und auf Besucher gewartet haben?“ Trotz überschaubaren Stellenumfang von 2,2 Mitarbeitern und einem Museumsteam „am Anschlag“ seien Drittmittel generiert und attraktive Sonderausstellungen präsentiert worden. „Wir haben keine Dauerkunden, wir müssen unsere Besucher immer wieder neu generieren“, so Baumeister und dies mit einer Dauerausstellung, die bis zur Erneuerung 2017 fast 25 Jahre lang bestehen musste.

Auch Vorstandsmitglied Dr. Wolfgang Blumenschein warnte davor, allzu drastisch den Rotstift anzusetzen: „Wenn zu wenig Besucher da sind, kriegen wir die nicht her, wenn man an der Substanz spart.“ In dieser „kritischen Situation“ sollte man eher viel stärker in Werbung investieren und vor allem „dem Personal die Sicherheit geben, dass es weitergeht“, so Blumenschein. „Denn eins ist sicher: Die besten Leute gehen immer zuerst – passen wir auf, dass uns das nicht passiert.“

Vor einem „Gesundschrumpfen“ des Museums warnte auch Sandmaier: Eine geschrumpfte Niere arbeite schließlich auch nicht mehr gut. Nach wie vor stand für den Vereinsvorsitzenden fest: „So kann ich dem Vertrag nicht zustimmen. Da brauchen wir keinen Altertumsverein mehr.“ Ähnlich sah dies auch Ehrenbürger Alfons Hermann: „Nach der vorgesehenen Fassung hat der Vorstand nichts mehr zu beschließen und zu sagen.“

Räte wollen Gegenvorschlag

„Der Vertrag ist nur ein Vorschlag. Dann macht uns einen Gegenvorschlag“, forderte Stadtrat Stefan Feurle den Altertumsverein auf. „Fakt ist, den bestehenden Vertrag weiterzuführen, wird die Mehrheit des Gemeinderats nicht tragen.“ Sein Ratskollege Heinz Weiss schlug vor, den umstrittenen Paragrafen 3 im Vertragsentwurf abzuschwächen, „damit der Verein und auch der Gemeinderat und Bürgermeister damit leben kann“.

Walter Hummler vom Förderverein empfand das Mitspracherecht für die Stadt als Kostenträger als legitim und regte zu einem lösungsorientierten Vorgehen an. „Die Voraussetzungen sind doch gut“, bewertete er den Personalkostenzuschuss des Denkmalamts. Alfred Nuber empfahl, ähnlich wie in einem kommunalen Zweckverband vorzugehen und den Haushalt des Vereins von der Stadt genehmigen zu lassen: „Dann kann man sich im Vorfeld über die Kosten unterhalten – und der Verein wäre weiterhin in der Lage, selbstständig zu agieren.“

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