Flüchtling löst Feueralarm aus – und kann Einsatz nicht bezahlen

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 Mit Drehleiter und vier weiteren Fahrzeugen musste die Feuerwehr Bad Buchau im vergangenen November zur Flüchtlingsunterkunft i
Mit Drehleiter und vier weiteren Fahrzeugen musste die Feuerwehr Bad Buchau im vergangenen November zur Flüchtlingsunterkunft in der Schussenrieder Straße ausrücken. Die Kosten für den Einsatz – insgesamt 1077 Euro – soll nun ein 27-jähriger Flüchtling aus Gambia tragen. (Foto: Archiv: Klaus Weiss)

Als die Freiwillige Feuerwehr Bad Buchau im vergangenen November zu einem Einsatz ausrückt, gibt es kein Feuer, keine Verletzten und keinen Gebäudeschaden. Und dennoch wird der Vorfall für Mumado Jobe zur Katastrophe. Der 27-jährige Gambier hat aus Unachtsamkeit in der Buchauer Flüchtlingsunterkunft den Feueralarm ausgelöst. Nun hat er die Rechnung für den Einsatz erhalten: 1077 Euro – ein Betrag, der den Flüchtling völlig überfordert.

Mumado Jobe ist verzweifelt. Er kann nicht mehr schlafen, nicht mehr abschalten und – was ihm am meisten zu schaffen macht – sich nicht mehr voll auf seine Arbeit konzentrieren. Er grübelt. Immer wieder blickt der 27-Jährige fassungslos auf das Schreiben des Kreisfeuerlöschverbands, das er vor wenigen Tagen erhalten hat. Vor allem auf den Betrag, der ihm in Rechnung gestellt wird: 1077 Euro. Wenn er diese Summe in Raten abstottert, hat sich Jobe ausgerechnet, würde er mehrere Jahre dafür brauchen.

Rückblende: Über den Rauchmelder der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in der Schussenrieder Straße wird am 3. November um 16.14 Uhr die Brandmeldeanlage aktiviert. Vollalarm. Weil in dem Gebäude bei voller Belegung bis zu 80, 90 Bewohner untergebracht sind, rücken rund 25 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Bad Buchau mit fünf Fahrzeugen, inklusive Drehleiter, aus. Als sie in der Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen Rewe-Areal eintreffen, ist die Ursache schnell gefunden: Ein Bewohner hat in einer der beiden Gemeinschaftsküchen sein Essen anbrennen lassen. Zwar hat er es bereits vom Herd genommen und die Fenster geöffnet, trotzdem müssen die Feuerwehrleute zwei Drucklüfter einsetzen, um Küche und Flure von Rauch und Brandgeruch zu befreien. Vorsorglich überprüfen die Feuerwehrleute noch das Umfeld des Herds, dann ist der Einsatz auch schon beendet.

„Grob fahrlässig“ gehandelt

Das Nachspiel kommt für Mumado Jobe über ein halbes Jahr später. Der 27-jährige Gambier erhält Ende Juni ein Schreiben des Kreisfeuerlöschverbands Biberach, der für die Feuerwehr Bad Buchau den Einsatz abrechnet. Die Polizei hat Jobe als Verursacher des Einsatzes ermittelt. In einer Anhörung soll ihm nun die Gelegenheit geboten werden, sich zu dem Vorfall zu äußern.

„Dies ist am 9. Juli auch erfolgt“, bestätigt Bernd Schwarzendorfer, Pressesprecher des Landratsamts Biberach. Jobe habe in dem Gespräch bestätigt, die Küche während des Kochens verlassen und damit den Topf unbeaufsichtigt gelassen zu haben. Damit stehe fest, dass der Flüchtling „grob fahrlässig“ gehandelt habe. Nach Feuerwehrgesetz und der Satzung zur Regelung des Kostenersatzes für die Leistungen des Feuerwehrlöschverbands Biberach können ihm damit die Kosten für den Einsatz auferlegt werden. Im Gespräch sei zudem vereinbart worden, dass Jobe die Rechnung in Raten begleichen könne.

Gambier braucht Geld für Batterien

Dennoch fühlt sich der Gambier sichtlich von der Summe erschlagen. Das Geld brauche er doch für Essen, Kleidung und vor allem für Batterien, sagt Jobe. Wegen einer Hörbehinderung benötigt er ein Hörgerät. Alle zehn Tage müsse er die Batterien austauschen. Als Asylbewerber erhält er 320 Euro im Monat. Zudem ist er in einer Integrationsmaßnahme beschäftigt, die mit 80 Cent pro Stunde vergütet wird, bei der er aber eine bestimmte Stundenanzahl nicht überschreiten darf.

Jobes Vorgesetzte in der Integrationsmaßnahme beschreiben ihn gegenüber der SZ als „absolut zuverlässig und gewissenhaft“. Als jemand, der lieber einmal zu viel nachfragt als sich einen Fehler zu leisten. Gerade deshalb können sie sich kaum vorstellen, dass Jobe grob fahrlässig gehandelt haben soll. Für sie ist zudem fraglich, inwieweit er wegen seiner Hörbehinderung und seiner geringen Deutsch- und Englischkenntnisse der Anhörung überhaupt folgen konnte.

Flüchtlinge und Ausländer insgesamt in Baden-Württemberg

Jobe selbst bekennt sich offen zu seiner Schuld. „It was my mistake“, „es war mein Fehler“, wiederholt er im Gespräch immer wieder. Allerdings könne er nicht verstehen, warum nur er eine solche Rechnung erhalten hat. In der Gemeinschaftsunterkunft ist es schließlich in der Vergangenheit immer wieder zu Feuerwehreinsätzen gekommen.

Bis zu fünf Einsätze 2017

Das bestätigt auch der Buchauer Kommandant Klaus Merz. Allein im vergangenen Jahr habe die Feuerwehr vier, fünf Mal in die Schussenrieder Straße 86 ausrücken müssen. Mal sei der Dunstabzug nicht eingeschaltet und die Küchentür verschlossen worden, mal unterschätzten die Bewohner die Leistung des Herds, der eben die Platten viel stärker und schneller erhitze als es wohl in den Heimatländern der Flüchtlinge üblich sei, nennt Merz die Gründe. Und immer wieder würden die Bewohner von den Feuerwehrleuten, Polizei und Hausverwaltung belehrt, sagt Merz. Immerhin: In diesem Jahr habe es bisher nur ein Einsatz gegeben. „Auch die Mitglieder des Freundeskreis Asyl sind sehr dahinter“, weiß Merz.

Zu ehrlich gewesen?

Dennoch macht sich der Kommandant keine Illusion darüber, dass es sich in Zukunft die eigentlich überflüssigen Einsätze ganz verhindern lassen. In der Regel tragen die Kosten dafür zudem die Allgemeinheit, weil sich kein Verursacher ermitteln lässt. Dass sich jemand wie Mumado Jobe frei heraus zu seinem Fehler bekennt, diese Erfahrung machen die Einsatzkräfte nämlich eher selten.

Ob dem Gambier also gerade seine Ehrlichkeit zum Verhängnis geworden ist? Wäre er leichter damit gefahren, wenn er auf eine Stellungnahme verzichtet hätte? Zu dieser Frage kann sich Landratssprecher Schwarzendorfer nicht äußern, weist aber daraufhin, dass es Jobe selbstverständlich offen stehe, Widerspruch einzulegen: „Noch ist die Sache nicht rechtskräftig.“

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