Beim Feinschliff auf Schloss Ehrenfels geht es für die Schauspieler ans Eingemachte: Autorin und Regisseurin Yasemin Kont (recht
Beim Feinschliff auf Schloss Ehrenfels geht es für die Schauspieler ans Eingemachte: Autorin und Regisseurin Yasemin Kont (rechts) gibt Kerstin Baum und Max Wiest detaillierte Regieanweisungen. (Foto: Annette Grüninger)
Schwäbische Zeitung

Das Barockschlösschen Ehrenfels in der Nähe von Hayingen wird zur Bühne: Wo einst die Äbte des Klosters Zwiefalten zur Sommerfrische weilten, wird derzeit fleißig geprobt. Schließlich soll alles sitzen, wenn für Kerstin Baum und Max Wiest – beide bekannt aus dem Theater Kanzach – am Sonntag der Vorhang aufgeht. Da nämlich ist Premiere für das „Demenztheater“-Stück „Dave und der verlorene Blues“.

Max Wiests Augen haben einen verlorenen Ausdruck angenommen. Mitten in der Bewegung hält er inne. Dann blickt er sich, begleitet von steifen, trippelnden Schritten, suchend um: „Paula? Paula? Paula?!“ Yasemin Kont hat ihren Platz im Publikum verlassen und nähert sich, das Textheft in der Hand, dem Schauspieler: „Äh, hast du gerade einen Texthänger – oder bist du in der Rolle?“

Eine durchaus berechtigte Frage. Max Wiest spielt den demenzkranken Musiker Dave, der durch seine Krankheit seine Kunst und seine Persönlichkeit zu verlieren scheint. Um die Anzeichen der Krankheit möglichst glaubwürdig zu mimen, hat der Buchauer einen Tag lang Michael Wissussek in der Tagespflege begleitet – und dort sogar einen Bekannten wiedergetroffen, den er nun regelmäßig besuchen möchte.

Auch die Autorin Yasemin Kont hat ganz persönliche Erfahrungen in ihr Zwei-Personen-Stück „Dave und der verlorene Blues“, eine Auftragsarbeit des Landratsamts Günzburg, einfließen lassen. Nach Vorstellungen in Günzburg haben Kont und Wissussek nun vor, auch in der Region „Demenztheater“ auf die Bühne zu bringen.

Private Räume werden geöffnet

Ermöglicht wird dies durch den Riedlinger Verein Übermorgenmaler unter Wissusseks Vorsitz. Der Kreisseniorenrat kommt zudem für die Aufwandsentschädigung der Schauspieler auf und finanziert weitere Aufführungen im Landkreis Biberach. Auch das Netzwerk Demenz beteiligt sich ab September an den laufenden Kosten für weitere Vorstellungen. Die Schloss Ehrenfels Saint-André Stiftung unter dem Vorsitz von Nicoletta von Saint-André öffnet die sonst privaten Räume für die Aufführungen und erhält dafür eine geringe Kostenentschädigung.

Zustande kam die Verbindung zu Schloss Ehrenfels über Baronin Renate von Ritter. In ihr haben Kont und Wissussek eine weitere, sehr engagierte Mitstreiterin gewonnen. Die gelernte Krankenschwester und Fachkraft für Gerontopsychiatrie baut derzeit in der Nähe von Koblenz einen ehrenamtlichen Begleitdienst auf, um Krankenhausaufenthalte für Demenzkranke so schonend wie möglich zu gestalten. Der Inhalt des Theaterstücks ist ihr ein echtes Herzensanliegen. „Es ist wichtig, dass wir mit dem Thema Demenz an die Öffentlichkeit gehen, um Ängste zu nehmen“, so Baronin von Ritter.

Zusammen mit Wissussek wird Baronin von Ritter am Samstag vor der Aufführung in das Thema Demenz einführen. Beide sind auch zusammen mit Regisseurin Kont und den Schauspielerin in der anschließenden Expertenrunde vertreten, die von Josef Martin, Vorsitzender der Seniorengenossenschaft Riedlingen, moderiert wird.

Das spüren, was man spüren soll

Doch bis dahin haben die Schauspieler noch jede Menge Arbeit vor sich. Der Text sitzt, nun ist der Feinschliff angesagt – und Kont, die an der Akademie für Darstellende Künste in Ulm Schauspiel studiert hat, gibt höchst detaillierte Regieanweisungen. „Kannst du das sinnlicher machen? Kannst du so tun, als wäre die Gitarre eine Frau?“, wendet sie sich an Wiest. Und Kerstin Baum ermuntert sie mit den Worten: „Versuch dich nicht mit den Augen der Zuschauer zu beobachten. Lass dir Zeit.“

„Viele denken ja, Schauspielern ist nur Textlernen“, sagt Baum später und lacht. „Aber es ist brutal anstrengend, sich all die Regieanweisungen zu merken und auf die Schnelle das zu spüren, was man spüren soll.“ Anders als ihr Theaterkollege Wiest hat sich die junge Kanzacherin vorher nicht in einer Tagespflegeeinrichtung auf das Stück vorbereitet: „Ganz bewusst nicht, denn ich will ja überfordert sein“, erklärt sie. In ihrer Rolle als Tochter Paula versucht sie mit den wechselnden Stimmungen ihres Vaters irgendwie klar zu kommen, seine Hilflosigkeit und seine Wut, seine Ablehnung und seinem Bedürfnis nach Nähe und Schutz. Für den Zuschauer ist Paula eine Identifikationsfigur: Sie spiegelt all die Gefühle der Angehörigen wieder, die mit der Pflege eines demenzkranken Menschen häufig an ihre Grenzen stoßen.

Und dieser Ansatz kommt schon jetzt ganz gut rüber, finden die beiden Demenzexperten Wissussek und Baronin von Ritter nach dem Probenbesuch. „Wer gerade in dieser Situation drin steckt, kann nicht über sich selbst reflektieren“, hat Baronin von Ritter beobachtet. „Doch über das Stück können wir zeigen: Es ist für Angehörige völlig in Ordnung, Hilfe anzunehmen.“

Die Premiere von „Dave und der verlorene Blues“ am Samstag, 17. März, ist bereits komplett ausgebucht. Weitere Aufführungen folgen am Freitag und Samstag, 23. und 24. März, ebenfalls auf Schloss Ehrenfels. Einlass ist ab 19 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Die Plätze sind begrenzt, Anmeldungen sind möglich unter demenztheater@web.de. Ab Herbst 2018 soll das Stück im Landkreis Biberach auf Wanderschaft gehen und spielt durch Unterstützung des Netzwerks Ehrenamt, Arbeitsgruppe Netzwerk-Demenz, am 21. September auf dem Fachtag Demenz im Landratsamt. Weitere Sponsoren und Interessenten sind gesucht. Interessenten können sich direkt an Michael Wissussek per E-Mail an wissu@gmx.de wenden.

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