Ein Denkmal ehrt den Frieden

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Der Friedensengel des Künstlers Josef Alexander Henselmann erinnert, wie kostbar und zerbrechlich der Frieden ist.
Der Friedensengel des Künstlers Josef Alexander Henselmann erinnert, wie kostbar und zerbrechlich der Frieden ist. (Foto: Gemeinde Kanzach)
Brigitte Braun

„Unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt“, so heißt es im Totengedenken zum Volkstrauertag. Das November-Blatt des Kanzacher Jubiläumskalenders zeigt den Friedensengel, der das Friedensdenkmal auf dem Kirchplatz krönt.

Im Jahr 1999 trat der damalige Bürgermeister Rudolf Obert mit dem Vorschlag, dem Frieden ein Denkmal zu setzen, an Kirchengemeinderat und Gemeinderat. Im Wissen, wie kostbar und auch zerbrechlich Friede ist, fand dieser Gedanke bei beiden Gremien schnell große Zustimmung. Der Standort auf der Westseite der Kirche wurde festgelegt und das neue Friedensdenkmal errichtet. Entworfen und realisiert hat es der Münchner Künstler Josef Alexander Henselmann. Die Mitte bildet eine Naturstein-Säule, auf dem die Bronzeskulptur eines Friedensengels aufgesetzt ist. Links und rechts flankiert wird dieser Friedensengel von zwei Natursteintafeln, auf denen die Namen der Vermissten und Gefallenen der Gemeinde Kanzach in den beiden Weltkriegen geschrieben sind.

Denn wie überall im Land haben diese Kriege auch Familien in der Gemeinde nicht verschont, wobei es die Gemeinde Kanzach von allen Kreisgemeinden am härtesten getroffen hat. Neben den Todesopfern aus der Zivilbevölkerung sind viele Familienväter, Freunde oder Brüder gefallen; andere, die das Glück hatten, zu überleben, kehrten oftmals als körperliche oder seelische Versehrte nach Hause. Heute nennt man das letztere „posttraumatische Belastungsstörung“, was letztlich nur mit anderen Worten ausdrückt, dass der Krieg nicht zu Ende ist. Nicht zu Ende auch für die Familien, die jäh aus ihrem gewohnten Leben gerissen wurden, weil die zurückgebliebenen Frauen, sich fortan alleine um alles kümmern mussten; um die Sorge, dass die Familie ihr Auskommen hatte, darum, die Not der Kinder aufzufangen, die ohne Väter und viel zu schnell erwachsen werden mussten und bei all der Mühe lernen mussten, mit dem Schmerz zu leben, das Liebste verloren zu haben.

Viele der Heimkehrer konnten wegen ihrer Behinderungen ihre erlernten Berufe nicht mehr ausüben und hatten zeitlebens unter ihren körperlichen Behinderungen und Leiden zu kämpfen. Darüber hinaus haben sich die schrecklichen Ereignisse, die Gräuel, das Leid und das Elend, die sie im Krieg erlebt haben, in ihre Gedanken eingebrannt, so dass es ihnen nicht mehr möglich war, unbeschwert zu leben.

Auch die Zivilbevölkerung, vor allem in den Städten, hatte zu leiden. Nächte in den Luftschutzkellern, wenn ganze Städte zu Schutthaufen bombardiert wurden, führten dazu, dass viele Familien vor dem Nichts standen und sich eine neue Bleibe suchen mussten. Ebenso erging es die Menschen beispielsweise aus Ostpreußen, Schlesien oder dem Sudetenland, die von ihrer Heimat vertrieben wurden. Rund zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene mussten sich damals in West-Deutschland eine neue Heimat aufbauen, was nicht einfach war, denn dort waren sie mit den Vorurteilen, Ängsten und dem Misstrauen der Bevölkerung konfrontiert.

Das Leid, das Kriege verursachen, kennt keine Sieger! Auch wenn die politischen Kontrahenten Sieger und Besiegte benennen, für die einzelnen Menschen, egal auf welcher Seite er kämpfen musste, bleibt das Leid dasselbe. Wer während der Kriegs- oder den Nachkriegsjahren geboren wurde, erinnert sich an eine fast sprachlose Elterngeneration, die nicht mehr zurückblicken wollte. „Es war das blanke Entsetzen angesichts der Verbrechen des Nazi-Regimes an unseren jüdischen Mitbürgern, die schrecklichen Kriegsjahre mit so vielen Toten, Verletzten und Kindern, die ohne Eltern zurückblieben. Es war auch Traurigkeit über eine verlorene Jugend und noch mehr Scham, dass man sich von den Nazis hat verführen lassen und ihren Lügen, Anfeindungen und ihrem üblen Geschwätz von minderwertigem Leben geglaubt hat, bis es zu spät war“, erzählte vor einigen Jahren ein damals 89-jähriger Herr, der nach sechs Jahren russischer Gefangenschaft als gebrochener Mann heim kam.

Wer so viel Leid erlebt, so viel Not gesehen und so viel Verzweiflung erfahren musste, weiß, wie wichtig Frieden ist. Er weiß, dass es auf das Gemeinsame, nicht auf das Trennende ankommt und er weiß, dass der kleinste und zerbrechlichste Frieden besser ist als der dümmste und unbedeutendste Krieg. „Für mich ist Europa die Zukunft und nicht das Land der Nationalstaaten“, sagte der aus dem Memelland stammende Robert Brokoph in der ARD-Dokumentation „Fremde Heimat“ aus dem Jahr 2011, „denn Nationalismus hat so viel Blut und Elend über die Menschen gebracht. Ich möchte das nicht wieder sehen“. Für uns, die seit fast 75 Jahren keinen Krieg erleiden mussten, ist der Frieden schon so selbstverständlich geworden, dass viele ihn überhaupt nicht mehr schätzen. Sicher, es liegt vieles im Argen, manches müsste dringend verbessert werden und es gibt genügend Bespiele von Ungerechtigkeit und Ärger. Doch Kritisieren ist das eine, besser machen das Andere.

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