Ein Abend mit Tiefgang und Leichtigkeit

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Marita Bodon, Stefany und Franz Wohlfahrt (von links) begeisterten mit ihrer „Schwobapoesie“ im Goldenen Saal Bad Buchau
Marita Bodon, Stefany und Franz Wohlfahrt (von links) begeisterten mit ihrer „Schwobapoesie“ im Goldenen Saal Bad Buchau (Foto: Kurt Zieger)
Kurt Zieger

Eigene Texte und eigene Kompositionen vereint Franz Wohlfahrt von der Gruppe Quint-Essenz zu einem äußerlich pulsierenden, im Innersten tiefgründig durchdachten Kaleidoskop des menschlichen Lebens. Rezitiert, szenisch ausgeweitet, gesungen und musiziert ließ das Terzett die Zuhörer im Goldenen Saal Bad Buchau in einen Spiegel des menschlichen Alltags blicken.

Wie zu höfischen Zeiten führten Franz Wohlfahrt an der Gitarre, seine Frau Stefany am Cello und deren Schwester Marita Bodon am Hackbrett die Zuhörer mit einem feinsinnigen instrumentalen Prolog in den unterhaltsamen, und doch sehr nachdenkenswerten Abend ein.

„Wer unter Ü 44 ist, dem kann dieser Abend nicht zugemutet werden,“ meinte Wohlfahrt als Einstieg in seine geistreichen, oft hintergründigen Betrachtungen ganz verschiedener Situationen des Lebensalltags. Der Spätsommer sei eine richtig schöne Zeit zum Genießen: Früher ins Bett und später am Tag wieder auf. Musikalisch ausgedrückt in anmutigem Gesang und weitgehend gut verständlichem Dialekt: „Hörst du, wia dr Vogel singt, ao wenns nix zum Fressa geit.“ Im Rückblick auf die Zeit unter 44 müsse man feststellen, dass man damals noch mehr Kraft und Ideen besessen habe, jetzt aber gelte als Devise: Was ist jetzt echt produktiv, ebbes oder nix? So entwickelt sich die existentielle Frage „Hätt ma, na tät ma“ zur tiefschürfigen Betrachtungen menschlicher Alltagsprobleme, auch mit der Erkenntnis: „Lieber denk i, bevor i nix denk.“

Gedanken tragen jeden Menschen weit ins Land, vor allem wenn sie so anmutig in beschwingtem Dreiertakt vorgetragen werden. Dies gilt auch für den Bereich einer Liebeserklärung, denn ein Schwabe hat „Ich liebe dich“ nicht in seinem Wortschatz. Diesen Satz gebe es nur auf Hochdeutsch, meinte Wohlfahrt verschmitzt. Die Feststellung „auch bei Naturkatastrophen schwebt die Erde bis zum Morgenrot ruhig auf ihrer Bahn“ wurde in fast elegisch anmutenden Sequenzen im Cello ausgedrückt. Derart tiefgründige Gedanken nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern geistreich, leicht verdaulich und oft mit hintergründigem Humor versehen in den Raum zu stellen ist die Kunst von Quint-Essenz.

Helle Passagen im Hackbrett untermalten die Aufforderung „Sag jo“, wenn der Nebel sich verzogen hat, „sei zufrieden mit dir und denen um dich“. Auf die Frage „Wie goht´s ao?“ bekomme man meist die Antwort „Scho reacht, Hauptsach gsond.“ Wobei es zu unterscheiden gelte zwischen „S’ghot“ und „Mr stoht halt“. „Des älles gibt’s“ meinte das Terzett gesungen und musiziert aus innerer Fröhlichkeit. Zu vielen Alltagsproblemen gehört die Frage mit der „Hinderumschwätze“: „Was saget ao d’Leut?“ „Mein Platz ist der Ort, wo ich allein und einfach da sein kann“, die Seele berührend in Gesang und instrumentaler Vielfalt mit Hackbrett, Cello und Gitarre in bewundernswerter Leichtigkeit dargebracht. Der Duft des Sommers, der durch den Spalt einer Mauer strömt, das ist Freiheit des Lebens, ebenfalls bezaubernd interpretiert. „Frei wie ein Vogel, des sott mr sei“, denn jeder Tag sei wie ein Geschenk.

Doch auch für Ü 44 kommt nach einem farbenfrohen Spätsommer ein nebliger Herbsttag als eine Zeit, in der sich Stille übers Land legt, wo man „gern am Ofa hockt“. „Du schaffst, was sein muss und nimmst mit, was du kriegst“, könnte als Fazit gelten, wenn Musiker und Zuhörer dem herzlichen Beifall entsprechend „im Großa und Ganza oifach leaba“.

„Was willst meh?“ stand unsichtbar im Raum nach einem Abend mit Tiefgang, lebensnah und doch mit bewundernswerter Leichtigkeit interpretiert.

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