Buddeln bei 35 Grad: ein Knochenjob

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Am südlichen Stadtrand von Bad Buchau ist das Grabungsteam bei der Arbeit.
Am südlichen Stadtrand von Bad Buchau ist das Grabungsteam bei der Arbeit. (Foto: Hanna Nuber)
Hanna Nuber

Zwei weiße Pavillons über der Grabungsfläche halten zwar das grelle Sonnenlicht ab, aber die brütende Hitze mit ungewöhnlich hohen Temperaturen von bis zu 35,6 Grad macht den Ausgräbern doch ziemlich zu schaffen. Beim Besuch der Grabungsstelle „Neuweiher“ am südlichen Stadtrand von Bad Buchau ist es kurz vor dem verdienten Feierabend um 16 Uhr. Der technische Grabungsleiter Paul Scherrer und sein Team – die zwei Studierenden Isabella und Nuria und Grabungsarbeiter Karl haben seit 7.30 Uhr „gebuddelt“.

Seit Wochen ist es gnadenlos heiß - so heiß wie nie mehr seit 1867 laut amtlichem Wetterdienst - hitzefrei ist jedoch kein Thema bei dieser Rettungsgrabung. Prähistorische Holzpfosten durchziehen die ausgegrabene Fläche – sorgsam mit Folien abgedeckt gegen das Austrocknen. Mit großen Kunststoffplanen deckt das Grabungsteam die Fläche zum Arbeitsende ab. Beim Blick auf das bereits ausgegrabene Areal nördlich der aktiven Grabungsfläche meint Paul Scherrer: „Die Fläche hier müsste eigentlich gut eingenässt sein“ - der Grundwasserpegel beim derzeitigen Wetter bereitet ihm Sorgen. Diverse Messgeräte und Grabungswerkzeuge werden in die weißen Container geräumt. Dann trifft sich das Team noch kurz im Schatten zum Ausklang des Arbeitstages. Zum Glück gibt es im Container einen Kühlschrank mit gekühlten Getränken, auch das mitgebrachte Eis wird gerne angenommen.

Karl ist seit zehn Jahren als Grabungsarbeiter bei den meisten Grabungen am Federsee dabei, so auch in Olzreute. Dort wurden Holzvollscheibenräder gefunden, die zu den ältesten der Welt gehören. Auf die Frage nach seinem bisher spektakulärsten, persönlichsten Fund nennt er einen Einbaum aus Lindenholz – Datierung 2260 bis 2210 vor Christus. Entdeckt bei Wiedervernässungsmaßnahmen im nördlichen Federseegebiet bei Seekirch/Ödenahlen. Ödenahlen ist eine von 111 Fundstellen, die gemeinsam das UNESCO- Welterbe „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ bilden. Sie ist im Rahmen des Welterbes eine repräsentative Fundstelle der „Pfyn-Altheimer-Gruppe Oberschwaben“. Karl ist etwas in Eile, er fährt heim zur Familie, im Gegensatz zu den Teamkollegen.

Die beiden Studenten kommen von der Universität Freiburg und studieren Ur- und Frühgeschichte bzw. Mittelalter-Archäologie. Im Rahmen ihres Masterstudios absolvieren sie ein vierwöchiges Praktikum in der Feuchtbodenarchäologie. Paul Scherrer reicht ihnen verschiedene Fundmaterialien zur Bestimmung. Bei dem Haustierknochen handelt es sich, wie beide einhellig bekunden, um einen Mittelhandknochen von Ziege oder Schaf. „Sie stammt von einem noch jungen Tier, weil die Epiphysen-Fuge (Wachstumsfuge) noch nicht ganz geschlossen ist“, erklärt Nuria. Die Klinge aus graugrünem Serpentin stammt von einem neolithischen Dechsel - einem quer geschäfteten Beil zur Holzbearbeitung - ein tolles Gefühl, diesen „Handschmeichler“ zu halten. Die Ausgräber campieren derzeit in Steinhausen. Auf die Frage, was sie nach dem Grabungstag als erstes machen, kommt die spontane Antwort der Frauen: „Duschen oder irgendwo an einem See baden!“

Die Feuchtbodenarchäologie im Federseeried ist eine schier unerschöpfliche Quelle für frühe menschliche Besiedelungen des fünften bis ersten Jahrtausends vor Christus. Die Erhaltung für organische Materialien wie Hölzer, Textilien und Pflanzenreste ist einzigartig.

Paul Scherrer ist einer von drei Technischen Grabungsleitern beim Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart – Arbeitsstelle für Feuchtboden- und Unterwasserarchäologie in Hemmenhofen. Seit knapp zwei Jahren arbeitet er hier an der Grabungsstelle „Neuweiher“ an der Südspitze der Insel Buchau am Ufer des Federsees. Vermutlich war hier eine Bootsanlegestelle – gleich bei Sichtung der Fläche wurden zwei eisenzeitliche Einbäume entdeckt. Inzwischen wurden in den Befundschichten über 1000 Funde wie Hölzer und Architekturteile, Keramikscherben, Tierknochen und -zähne aus verschiedenen Epochen entdeckt. Holzproben, vor allem Eiche wegen der guten Erhaltung, werden sorgfältig in Spezialfolie verpackt und ins Dendrochronologische Labor in Hemmenhofen geschickt.

Wenn die Waldkante (Rinde) erhalten ist, erfolgt eine nahezu jahrgenaue Datierung des Schlagdatums. Auch die Bearbeitungsspuren mittels Steinbeil oder Metallwerkzeug werden untersucht. Überhaupt hat sich, so Paul Scherrer, in jüngerer Zeit bei den Untersuchungsmethoden viel getan: „Früher mussten Funde aufwändig mit Maßband und Millimeterpapier gezeichnet werden, heute werden Drohnen eingesetzt und dreidimensial dokumentiert“. Paul Scherrer scheint den richtigen Beruf gewählt zu haben, er erwägt auch die Qualifikation zum geprüften Forschungstaucher, um zukünftig unter Wasser arbeiten zu können. Doch jetzt in der spätnachmittäglichen Schwüle wird die Bremsenplage fast unerträglich und Paul Scherrers Ziel ist einfach auch eine erfrischende Dusche.

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