Buchauer Rat stockt Schulsozialarbeit auf

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Schulsozialarbeiterin Franziska Rist findet immer weniger Zeit für präventives Arbeiten wie hier beim Gewaltpräventionsprogramm
Schulsozialarbeiterin Franziska Rist findet immer weniger Zeit für präventives Arbeiten wie hier beim Gewaltpräventionsprogramm „Ich bin doch kein Heini“. (Foto: Landratsamt)

Mehr Schüler, die mehr Zeit an der Schule verbringen und immer öfter Bedarf an Beratung und Hilfe haben: Das alles hat dazu geführt, dass die Schulsozialarbeit in Bad Buchau zunehmend an ihre Belastungsgrenze kommt. Die Stadträte waren sich deshalb einig, die von Franziska Rist ausgefüllte Stelle von 75 auf 100 Prozent aufzustocken.

Immer öfter klopfen Schüler an der Tür von Franziska Rist. Seit die Schulsozialarbeit vor fast zehn Jahren unter der Trägerschaft des Erzbischöflichen Kinderheims Haus Nazareth eingerichtet wurde, hat sich das Angebot an Federseeschule und Progymnasium fest etabliert. Franziska Rist – und davor Jochen Hartnagel – haben ein Vertrauensverhältnis zu den Schülern aufgebaut.

Es bleibt immer weniger Zeit

In den vergangenen zehn Jahren hat sich aber auch der Schulalltag gewandelt. Die Schülerzahlen an der Federseeschule sind gestiegen; durch den Ausbau des Ganztagsangebots verbringen die Kinder und Jugendlichen immer mehr Zeit an der Schule; ihre Probleme scheinen größer und vielfältiger geworden zu sein; immer mehr von ihnen weisen einen Migrations- oder Fluchthintergrund auf; und auch die Bürokratie hat zugenommen. All das hat dazu geführt, dass der Schulsozialarbeiterin immer weniger Zeit für die wichtige Präventionsarbeit zur Verfügung stehen. „Ich bin im Moment nur Feuerwehr – und das sollte die Schulsozialarbeit nicht sein“, sagt Rist über sich.

Diesen Eindruck konnte die Schulsozialarbeiterin in ihrem Jahresbericht 2016/2017 vor dem Gemeinderat auch mit Zahlen belegen. So war Rist im Berichtszeitraum insgesamt für 585 Schüler zuständig. Davon besuchten 187 Kinder die Grundschule, 175 Schüler die Gemeinschaftsschule. Die Vorbereitungsklassen I und II setzen sich aus 35 Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien zusammen. Anders als die Federseeschule sind am Progymnasium die Zahlen bei aktuell185 Schülern leicht zurückgegangen. Die Zahl der Fallkontakte jedoch sei stabil geblieben, so Rist. An der Gemeinschaftsschule haben im Berichtsjahr 116 Schüler die Schulsozialarbeiterin aufgesucht, eine deutliche Steigerung zu den Vorjahren (2015/16: 103 Schüler; 2014/15: 90 Schüler). Schon jetzt sei erkennbar, so Rist, dass die Schulsozialarbeit künftig bei diesem wachsenden Bedarf „nicht mehr allen Schülern zufriedenstellend zur Seite stehen“ könne.

Intensive Begleitung notwendig

„Zu diesen steigenden Schülerkontakten kommen noch mehr werdende intensive Einzelbetreuungen hinzu“, hat Rist beobachtet. Damit sind intensivere Begleitungen gemeint, wenn die Schüler über einen längeren Zeitraum Kontakt zur Schulsozialarbeit haben und auch Eltern und Lehrer mit einbezogen werden. Zusammen werden dann Lösungen gesucht für schulische Probleme, ein schwieriges Sozialverhalten, Schwierigkeiten in Klassengemeinschaft oder Familie. 37 Schüler hat Rist 2016/2017 auf diese Weise betreut, 13 Schüler mehr als im vorherigen Schuljahr. Am Progymnasium hat die Schulsozialarbeiterin acht Einzelbetreuungen geleistet.

Mitunter fallen darunter auch Kinderschutzfälle. Dann ist die Schulsozialarbeiterin besonders gefordert. Denn diese Kinder und Jugendlichen benötigen eine intensive Betreuung, das Vorgehen muss mit Schule, Eltern, Jugendamt und anderen Kooperationspartnern genau abgestimmt und auch genau dokumentiert werden, führte Rist auf.

Aber auch unter den Schülern mit Migrationshintergrund gebe es einen erhöhten Bedarf an einer Einzelberatung. „Sie sind einfach sehr dankbar, wenn ein konstanter Ansprechpartner für sie da ist“, hat Rist beobachtet. Da auch die Zahl der Schüler mit Migrationskindern gewachsen ist – von 14,3 Prozent 2014 auf zuletzt 22,2 Prozent – ist es nicht verwunderlich, dass die Einzelbetreuungen einen Großteil von Rists Arbeitszeit bindet. Ihr Fazit: Die zeitliche Kapazität der Schulsozialarbeit sei „vollkommen ausgeschöpft“.

Damit bleibe immer weniger Zeit, präventiv vorzugehen: also zu handeln, bevor man Feuerwehr spielen und mit dem Blaulicht ausrücken muss. Zwar zählt die Schulsozialarbeiterin auch im Berichtszeitraum etliche Klassen- und Gruppenprojekte auf, ob zur Stärkung der Klassengemeinschaft oder über gewaltfreie Kommunikation bis hin zur Suchtprävention oder dem landkreisweiten „Maus“-Projekt zum richtigen Umgang mit den neuen Medien. Dennoch wandte sich Rists Vorgesetzter Klaus Kappeler mit einem eindringlichen Appell an den Gemeinderat: „Wir sehen dringend Handlungsbedarf.“

Künftig eine Vollzeitstelle

Den sahen auch die Ratsmitglieder, die einstimmig eine Erhöhung des Stellenumfangs befürworten. Alles andere wäre auch „ein Verheizen“ der Stelleninhaberin, gab Karl-Heinz Kleinau zu bedenken. Nach den Sommerferien soll Rist nun ihre Aufgabe in Vollzeit ausfüllen, aufgeteilt auf einen 75-prozentigen Arbeitsanteil für die Federseeschule und 25 Prozent fürs Progymnasium. Für die jährliche Vergütung an das Haus Nazareth über rund 68 790 Euro erhält die Stadt Zuschüsse von Land und Landkreis.

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