„Buchau selbst kam mir sehr tot vor“

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Das Buchauer Schloss unter US-Flagge: Hier bezog auch Sergeant Louis Heimbach Quartier, als er am 24. Juni 1945 seine alte Heima
Das Buchauer Schloss unter US-Flagge: Hier bezog auch Sergeant Louis Heimbach Quartier, als er am 24. Juni 1945 seine alte Heima (Foto: : Archiv Mayenberger)
Schwäbische Zeitung

Einige Buchauer Juden, denen rechtzeitig die Flucht aus Nazi-Deutschland gelungen war, sind als Angehörige der alliierten Streitkräfte in ihre Heimatstadt zurückgekehrt – und wurden so Zeuge des Kriegsendes in Buchau. Charlotte Mayenberger vom Gesprächskreis „Juden in Buchau“ hat für die SZ-Serie zu „70 Jahre Kriegsende“ ihre Zeugnisse zusammengetragen. Heute: Louis (Ludwig) Heimbach, der am 24. Juni 1945 als Sergeant der US-Armee erstmals wieder seine Heimat besuchte. Heimbach, geboren 1915, war 1937 nach Detroit ausgewandert. Seine Eltern, Max und Ella emigrierten 1940, nachdem ihre Metzgerei in der Helenenstraße in Buchau geschlossen wurde, nach Sao Paulo in Brasilien. Im Folgenden ein Auszug aus einem Brief von Ludwig Heimbach an Moritz Vierfelder, in dem er seine Eindrücke schildert:

„Vergangenen Mittwoch ging mein Wunsch nach acht Jahren in Erfüllung. Ein Jahr nach D-Day besuchte ich unsere alte Heimatstadt Buchau. […]

Buchau selbst kam mir sehr tot vor. Der erste Bekannte, den ich gesehen, aber nicht gesprochen habe, war Fritz Binder, Hofgartenstraße. Er ist ein alter Mann mit weißen Haaren geworden. Vor dem Büro der Firma Götz (Hermann Moos) war ein französischer Posten. Ich hielt dort und stellte mich dem Hauptmann, einem sehr feinen Mann, vor. Er war hochanständig und sprach ausgezeichnet deutsch. Er sagte mir, dass Amerikaner im Schloss seien und falls wir dort kein Quartier finden könnten, sollten wir zurückkommen und er werde dafür sorgen, dass wir einen guten Platz bekommen würden. Bei den Amerikanern (einer Truppe Flieger) wurden der Oberst und ich mit Freuden aufgenommen.

Der Friedhof ist wieder schön

Ich hatte dem französischen Hauptmann versprochen, dass ich ihn im Hotel Engel sprechen würde und dorthin ging ich dann sofort nach dem Essen. Er erzählte mir, dass Jack Bernheim vor ein paar Wochen ebenfalls hier war und dass dieser verlangt hatte, dass der Friedhof wieder in Ordnung gebracht werde. Inzwischen haben Notar Aich und verschiedene andere den Friedhof schön hergerichtet. Frau Stützle erkannte mich nicht mehr, bis ich mich vorstellte. Sie hatte eine große Freude und zuerst fragte sie nach Martin Kahn und wann er wieder zurück nach Buchau kommen würde. […]

Dann besuchte ich Frau Siegbert Einstein. Die Überraschung hätten Sie sehen müssen. Sie wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte. Kurt und Rolf (zwei große Jungens) und Werner Schmal waren auch zu Hause. Sie wohnen vis à vis vom Café Schiele.

Alle Juden sind fortgekommen

Inzwischen haben Sie wohl durch Jack Bernheim gehört, dass die Nazis Siegbert Einstein und Lina Schmal letzten Februar noch abtransportierten. Frau Einstein erhielt keinerlei Nachricht, mit der Ausnahme einer Karte von Lina Schmal, dass es ihnen gut gehe. Alle Buchauer Juden sind fortgekommen.

Damals in Stuttgart, als Franz Moos schon den gelben Stern tragen musste, hat ihn Anna Fetscher, Hofgartenstraße, ohne weitere Erlaubnis angesprochen. Als mir Anna Fetscher dies erzählte, war sie so aufgeregt, dass sie mehr weinte als (sie) sprach. Ihr Vater, Wilhelm Fetscher, ist jetzt Mesner in der Kirche und Anna arbeitet für die Amerikaner im Schloss. Sie scheint eine der Besten gewesen zu sein und sie sagte mir auch, dass viele Buchauer Angst haben, dass die Juden zurückkommen würden. Sie selbst wäre sehr glücklich, wenn sie wieder für Hermann Moos arbeiten könnte. […]

Gefallen oder in Gefangenschaft

Dann wollte ich den Friedhof besuchen. Ich kam jedoch nicht weiter als bis zu Albert Geigers (Bäcker). Ich war im Jeep und innerhalb von 15 Minuten standen alle alten Buchauer um das Auto herum. Sie fragten alle nach meinen Lieben, nach Ihnen (der Brief ist an Vierfelders adressiert – d. Red.) und den anderen Buchauer Bekannten. Die meisten sehen gut aus, aber die Jungens in meinem Alter sind entweder gefallen oder in Kriegsgefangenschaft. Alfons Bollinger kam wenige Tage vor meinem Besuch vom Krieg zurück. Sein Bruder Hans ist gefallen. Die alten Bollingers leben immer noch und dort musste ich ein Glas Wein trinken. […]

Buchau hat sich im Großen und Ganzen nicht sehr verändert. Die Nazis hatten ihr Hauptquartier im Schloss und die Amerikaner haben es übernommen. Das Museum ist immer noch dort. Ich vermisste die Synagoge sehr und der leere Platz brachte Tränen in meine Augen.

Für Hitlers Taten bezahlt

Am schwersten für mich war jedoch der Besuch unseres alten Hauses. Eine Frau Knoll wohnt dort und obschon sie sehr nett war zu mir, konnte ich doch bemerken, dass sie – und die anderen, die in einstigen jüdischen Häusern wohnen – alles andere als glücklich sind. Allerdings mussten sie für ihre und Hitlers Taten schwer bezahlen und braucht man ihnen nichts Schlimmes wünschen. Unser Herrgott sorgt für alles.

Ein Wunsch ging in Erfüllung

Ich konnte kein Wort sprechen, als ich in das Schlafzimmer meiner lieben Eltern ging. Wer dachte, dass ich die alte Heimat eher sehen werde als meine lieben Angehörigen?? Trotz allem bin ich froh und dankbar, dass ich als amerikanischer Soldat und mit dem Gewehr nach Buchau zurückkehren konnte – ein langer Wunsch, der in Erfüllung ging. […].“

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