Artenvielfalt vor der Haustür

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 Das Federseemoor gehört zu den bemerkenswertesten europäischen Schutzgebieten.
Das Federseemoor gehört zu den bemerkenswertesten europäischen Schutzgebieten. (Foto: Jost Einstein)
Kerstin Wernicke

Das Naturschutzgebiet Federsee wird in diesem Jahr 80 Jahre alt und ist damit eines der ältesten und zugleich bedeutendsten Naturschutzgebiete im Land. Es ist Heimat vieler europaweit seltener Tier- und Pflanzenarten. Der Leiter des NABU-Naturschutzzentrums Federsee, Jost Einstein, berichtet über die außergewöhnliche Artenvielfalt in diesem größten Moor in Südwestdeutschland.

„Das Federseemoor gehört zu den bemerkenswertesten europäischen Schutzgebieten. Wegen seiner internationalen Bedeutung ist es als Natura 2000-Gebiet ausgewiesen und damit Bestandteil des europäischen Schutzgebietsnetzes“ freut sich NABU-Mitarbeiter Jost Einstein. Mit diesem Titel würdige die EU Gebiete, die eine besondere Verantwortung für seltene Tiere, Pflanzen und Lebensraumtypen in Europa trügen. Nur solche „Hot spots“ der Artenvielfalt könnten von Naturschutz-Fördertöpfen der EU wie dem LIFE Natur-Programm profitieren – wie am Federsee bereits zweimal geschehen.

Darüber hinaus ernannte der Internationale Rat für Vogelschutz das Federseemoor zum Europareservat – wegen der mehr als 270 Vogelarten, die das Federseegebiet als Brutvögel nutzen oder als Wintergäste und Durchzügler ansteuern. „Die Größe und die enge Verzahnung unterschiedlichster Habitate machen die exorbitante naturschutzfachliche Wertigkeit des Federseeriedes aus. Weite Teile sind völlig beruhigt und damit ungestörte Rückzugsräume für den seltenen goldenen Scheckenfalter und die Sumpfständelwurz-Orchidee“ führt der Ornithologe aus und ergänzt: „Dennoch schließen sich Naturschutz und Naturgenuss nicht aus: das Moor ist durch attraktive Wege, Stege und Aussichtspunkte für Besucher gut erschlossen, so dass hier einmalige Begegnungen möglich sind.“

Spielwiese für seltene Arten

Mit rund tausend Hektar Feuchtwiesen unterschiedlicher Bewirtschaftungs- und Pflegeintensität hat das Federseeried eine besondere Bedeutung für Wiesenvögel: Feldschwirl, Wiesenpieper, Braunkehlchen und Wachtelkönig brauchen eine offene Moorlandschaft. Gerade die Erfolgsgeschichte des Braunkehlchens aus den 1990er Jahren zeigt, welche Schlüsselstellung eine auf Bodenbrüter abgestimmte Bewirtschaftung der Feuchtwiesen einnimmt: Dank eines ausgeklügelten Pflegekonzepts hatte sich die Zahl der hübschen Piepmätze innerhalb weniger Jahre von 60 auf über 200 Brutpaare erhöht – mittlerweile stellt das Federseemoor etwa die Hälfte des württembergischen Bestandes. Und wo sich Braunkehlchen wohlfühlen, finden auch andere bedrohte Feuchtwiesenarten geeignete Lebensbedingungen.

Etwa 600 verschiedene Schmetterlinge, aber auch seltene Heuschrecken und andere Insekten profitieren davon, dass die Pflanzen durch die späte Mahd zur Blüte kommen. Inmitten dieses reichen Nahrungsangebotes tummelt sich eine Menge buntes Kleingetier, nascht hier an einem Blatt, saugt dort ein Schlückchen Nektar oder stellt ahnungslosen Blütenbesuchern mit filigranen Netzen nach. Gerade die Streuwiesen – ehemals genutzt zur Gewinnung von Stalleinstreu und heute vom Naturschutz gepflegt – gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in Europa. Unter den 700 für das Federseeried beschriebenen Pflanzenarten sind auch 10 Orchideenarten. Der Naturschützer verrät: „Das intensiv lila blühende Breitblättrige Knabenkraut blüht ab Mitte Mai entlang dem Steg im Banngebiet Staudacher“.

Das ist das Schöne im Federseemoor: Viele der Naturschätze sind für die Besucher zugänglich gemacht und können von Wegen und Stegen aus bewundert werden, ohne dass die empfindlichen Moorlebensräume gestört werden. Als Beobachtungstipp für die Osterferien empfiehlt Einstein einen Morgenspaziergang auf dem Federseesteg, wenn die Schilfvögel erwachen. Aus dem Röhricht schnurrt der nähmaschinenartige Gesang des Rohrschwirls, untermalt vom melodischen Ruf der Rohrammer, dazwischen die quiekenden Schreie der Wasserralle, von Ferne hört man den Kuckuck rufen. Und darüber: die spektakulären Balzflüge der Rohrweihen, die an Flugakrobatik nichts zu wünschen übrig lassen. Und all das vor der bezaubernden Kulisse eines Sonnenaufgangs über dem See.

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