Ausstellung wirft Blick auf die Anfänge jüdischen Lebens in Deutschland

 Befassten sich in mit 1700 Jahren jüdischem Leben in Deutschland: (v. l.) Rabbiner Walter Rothschild, Kantor Yoed Sorek, Marlis
Befassten sich in mit 1700 Jahren jüdischem Leben in Deutschland: (v. l.) Rabbiner Walter Rothschild, Kantor Yoed Sorek, Marlis E. Glaser und Samuel Fischer-Glaser. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Der „Europäische Tag der Jüdischen Kultur“ (ETJK) wird seit mehr als 20 Jahren europaweit im September begangen. Im Fokus der Veranstaltung im Atelier von Marlis Glaser in Attenweiler stand das Jubiläumsjahr „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ und ebenso das diesjährige Motto „Dialog“.

Rabbiner Walter Rothschild erläuterte den Hintergrund des Festjahres: Im Jahr 321 erließ auf eine Anfrage aus Köln der römische Kaiser Konstantin ein Edikt, wonach Juden in Ämter der Kurie und der Stadtverwaltung berufen werden durften. Das gilt als ältester Beleg für die Existenz jüdischer Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Das besagt natürlich, dass bereits davor Juden dort waren, denn man will ja nicht plötzlich Fremde in Verwaltungsangelegenheiten einer Stadt mit einbeziehen. Woher kamen die dort lebenden Juden, woran waren sie zu erkennen? Was lasen sie und in welcher Sprache?

Verfolgung und Diskriminierung schon zu Zeiten der Römer

Circa 250 Jahre zuvor, 70 nach der Zeitrechnung aus ihrem Land Israel vertrieben, ihr Tempel in Jerusalem durch die Römer zerstört, die Stadt niedergebrannt, alle dort lebenden Jüdinnen und Juden vertrieben. Der Rabbiner beschrieb dieses vierte Jahrhundert im Kontext des beginnenden Christentums, welches sich zum Ziel setzte zu missionieren. Und nach ihrer anfänglich erlittenen Christenverfolgung wurde später eine Verfolgung der Juden, deren Konflikte und Auswirkungen bis heute dauern.

Durch alle Jahrhunderte durch, mal mit Gewalt, mal „nur“ auf rechtlicher Ebene. Dies änderte sich etwas in der beginnenden Aufklärung, der Emanzipation. Doch es sollte noch bis zur Gründung des deutschen Reiches 1870/71 dauern, bis Juden in Deutschland als gleichwertige Bürger des Reiches rechtlich gleichgestellt wurden. So hat der Kampf um Anerkennung, Recht und Freiheit der Juden nach Rothschilds Worten bis hierhin ganze 1549 Jahre gedauert und war noch nicht beendet, wie wir heute wüssten.

Liberale Reformbewegung ist verbreitet

Die jüdische Reformbewegung sei in Deutschland entstanden Anfang des 19. Jahrhunderts. Das liberale Judentum hat wichtige Wurzeln in Deutschland – im Harz, in Hamburg, in Berlin. Diese zunächst deutsche Bewegung hat vieles im Judentum grundlegend reformiert – vom Umgang mit den Geboten über den Gottesdienst bis hin zu den Geschlechterrollen. Heute ist das liberale Judentum in vielen Ländern der Welt verbreitet.

Rabbiner Soussan: „Sie war ja auch der Versuch, zu sagen, wir sind gute Deutsche, aber wir unterscheiden uns nur in der Religion – wir sind aber Teil dieses deutschen Volkes. Und diese Haltung führte dazu, dass über 100 000 Juden im Ersten Weltkrieg kämpfen, 10 000 davon freiwillig. Also dieses Gefühl: Man will deutsch sein, man möchte dazugehören. Ich würde das als eine einseitige Liebeserklärung bezeichnen.“

„Dazugehören“ und Nationalgefühl

Genau zu dieser Thematik des „Dazugehörens“, steuerte Samuel Fischer-Glaser Bilder bei. Besucher des Ateliers erfahren außerdem mehr über moderne Frauen und Männer des Judentums anhand der Portraits von Marlis E. Glaser.

War der Referent, Rabbiner Rothschild eher skeptisch-pessimistisch, verbreitete der Tenor und Kantor Yoed Sorek eine hoffnungsvolle Stimmung, etwa mit der Liedzeile „Du wirst sehen, Du wirst sehen, wie gut es sein wird, im nächsten Jahr…“. Der Kantor verband dies mit Dank an die Kooperationspartner des ETJK. Bedeutend und erfreulich, so betonte er, sei das vielfältige Engagement der Gesellschaften für christlich-jüdischen Dialog oder eben auch die seit 2008 stattfindenden Veranstaltungen in Attenweiler, zu welchem sowohl christliche als auch säkulare Besucher kämen, soweit das zu erfahren ist.

Schau läuft bis 26. September und endet mit Künstlergespräch

Zum Ende der Ausstellung wird es am Sonntag, 26. September, 15 Uhr, mit den beteiligten Künstlern und Künstlerinnen Samuel Fischer-Glaser, Sophie Schmidt, beide wohnhaft in München, und Marlis E. Glaser aus Attenweiler ein Gespräch geben im Wechsel mit Liedern des Kantors Nikola David aus Augsburg.

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