Das zeichnet den „Dorfladen des Jahres“ aus

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Dorfladen Aßmannshardt - Digitalserie
Der Dorfladen in Aßmannshardt ist als "Dorfladen des Jahres 2018" ausgezeichnet worden. Wieso er diese Auszeichnung erhalten hat, wieso er bei der Konkurrenz bestehen kann und wer dort einkaufen geht, haben wir in unserer Digitalserie "Stadtlandfrust" näher beleuchtet.
Digitalredakteur

Die Sammeltüte mit Stickern für die Fußball-WM muss sein Sohn selbst zahlen, darauf legt Frank Sauter Wert. Geld für die Süßigkeit für Zwischendurch bekommt er dann aber doch von ihm. Schon steht der nächste Kunde an der Kasse - eine Rentnerin aus dem Ort hatte noch ein paar Kleinigkeiten zu besorgen und Käse sowie die Packung Milch werden auf dem Tresen abgestellt.

Ein ganz normaler Montagnachmittag in einem Supermarkt in einer x-beliebigen Stadt. Könnte man meinen. Doch der Laden mit seinen 60 Quadratmetern schräg gegenüber des Kindergartens in Aßmannshardt im Kreis Biberach ist weit mehr als ein gewöhnlicher Supermarkt. Wer das erste Mal den hellen, lichtdurchfluteten Laden betritt, erkennt schnell die große Menge an unterschiedlichem Sortiment für den alltäglichen Bedarf - von Drogerieartikel über Brötchen bis hin zur Tiefkühlkost. Oder die regionalen Produkte des heimischen Metzgers, die Paket-Abgabestelle und die Spieleecke für kleine Kinder.

Dass er stolz auf das Erreichte ist, merkt man Geschäftsführer Frank Sauter an. Kaum hat er den Laden betreten, sieht er kurz im Lager nach dem Rechten, ob die Bestellung angekommen ist, begutachtet das Gemüse, begrüßt die nächste Kundin. Und das alles nach seinem eigentlichen Feierabend - Frank Sauter sorgt sich ehrenamtlich um die einzige Einkaufsmöglichkeit, die es in Aßmannshardt gibt. 

"In das ganze Thema bin ich irgendwie reingewachsen", gibt der 42-Jährige gerne zu. Vor sieben Jahren startete das Projekt in den heutigen Räumlichkeiten, nachdem zuvor beide im Ort existierenden Läden geschlossen wurden, sie waren nach und nach nicht mehr rentabel. 

Zu Beginn war es natürlich mit einem großen Risiko verbunden"

sagt Sauter. Ein Berater hatte für das Eröffnungsjahr 2011 ursprünglich sogar leichte Verluste vorhergesagt.

Er sollte sich irren: Seit Beginn schreibt der Supermarkt im Kleinformat schwarze Zahlen - auch dank der Kunden, die die Idee von Anfang an mitgetragen haben. Der Dorfladen wurde in Form einer Mini-GmbH, einer Unternehmergesellschaft mit geringem Stammkapital, gegründet. Rund 80 Aßmannshardter erwarben als stille Gesellschafter Anteilsscheine von je 200 Euro.  

Bereits im ersten Jahr des Bestehens erwirtschaftete der Dorfladen rund 280.000 Euro, seitdem ist der Umsatz weiter gewachsen. Ein Grund sind die vielen Stammkunden.

Mittlerweile ist es 17.00 Uhr, Feierabendzeit. Die Kundenfreuqenz zieht noch einmal an. Mehrere Personen gleichzeitig gehen durch die Regalreihen, Arbeiter besorgen nach Feierabend das Abendessen, eine Seniorin benötigt für einen Kuchen noch ein paar Zutaten.

Das Hauptgeschäft des Ladens spielt sich zumeist aber in den Morgenstunden ab. Auf dem Weg in die Arbeit eine Brotzeit besorgen oder beim Warten auf den Bus - die Bushaltestelle liegt direkt neben dem Gebäude - kurz etwas einkaufen: etwa 75 Prozent des Geschäfts macht der Dorfladen vormittags.

Und doch lohnt es sich, auch am Nachmittag für ein paar Stunden zu öffnen. Kunden wie Anja Butz schätzen dies sehr. Drei Mal die Woche geht sie durchschnittlich hier einkaufen, meist sind es bei ihr Dinge, die man schnell braucht, wie zum Beispiel frisches Brot. Für sie habe der Ort, in dem sie wohnt, an Attraktivität gewonnen, seit es den Dorfladen gibt. Zwar gebe es im großen Supermarkt mehr Auswahl, meint sie. Doch auch im Dorfladen könne man alles einkaufen, um seinen Einkauf für die komplette Woche dort absolvieren zu können, so Sauter. Das käme sogar das ein oder andere Mal vor und Kunden verlassen dann voll bepackt den Laden.

Durschnittlich sechs Euro geben die Kunden pro Einkauf aus, vom Erstklässler, der sein Taschengeld in Süßigkeiten investiert, bis hin zur alt eingesessenen Aßmannshardterin, die ihren Rollator vor dem Laden parkt, um einen Liter Milch zu besorgen. Selbstständigkeit bis ins hohe Alter - ein Umstand, den viele ältere Menschen gerade auf dem Land schätzen. Und den das Team des Dorfladens spürt.

Man kennt sich - insgesamt sechs Verkäuferinnen sind angestellt, zu jedem Einkauf gibt es ein kleines Pläuschchen. In der hinteren Ecke ist sogar eine kleine Sitzgelegenheit eingerichtet worden, Eltern treffen sich zum Café, nachdem sie ihre Kinder in den Kindergarten nebenan gebracht haben. 

"Der Dorfladen ist viel mehr als nur ein Supermarkt. Er ist zum Treffpunkt geworden für den kompletten Ort", weiß Sauter, während er dem nächsten Kunden die Hand schüttelt und ihm wie selbstverständlich erlaubt, eine Ankündigung für das Tennistraining eines Vereins in der Nähe an das Schaufenster zu kleben. 

Die Kundenfrequenz, das Angebot, Zusatzangebote wie die Paketabgabestation, das generelle Konzept des Ladens und speziell auch die finanziellen Rahmenbedingungen haben dem Dorfladen im Januar 2018 zu einer ganz besonderen Auszeichnung verholfen. Im Rahmen der "Grünen Woche" in Berlin bekam der Laden den Preis "Dorfladen des Jahres 2018" in der Kategorie "Kleine Dorfläden".

Direkt an der Kasse angebracht: Die Auszeichnung zum "Dorfladen des Jahres 2018"
Direkt an der Kasse angebracht: Die Auszeichnung zum "Dorfladen des Jahres 2018" (Foto: Jakob Fandrey)

Die Plakette hängt seitdem gut sichtbar im Laden direkt über der Kasse. Die Auszeichnung gab einen zusätzlichen Motivationsschub und war Anerkennung für viele Jahre harter Arbeit und Innovationsfähigkeit. Denn Stillstand sei Rückschritt, so Sauter. Die Artikel und die Preise stehen ständig auf dem Prüfstand: Werden die Produkte gut angenommen? Muss viel Ware nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums weggeworfen werden? Sind die Preise angemessen? All das sind Fragen, die sich der Nicht-Kaufmann Sauter mit seinem Team stellt. Speziell bei abgepackten Marken-Lebensmitteln, die man in dieser Form auch ganz regulär bei Discountern oder Supermärkten kaufen könnte, unterscheiden sich die Preise für die Kundschaft kaum.

Regionalität ist Trumpf

Das Hauptgeschäft machen allerdings Back- und Wurstwaren von regionalen Anbietern aus. Auch Molkereiprodukte werden stark nachgefragt, dazu kommen Obst und Gemüse. Der Rest sei im Grund ein Zusatzangebot, das man anbieten müsse, so Sauter. Die übermächtige Konkurrenz von Supermärkten und Discountern sei vom Umsatz und Wachstum her nicht zu erreichen, doch das wollen sie in Aßmannshardt auch gar nicht. Die Regionalität als Trumpfkarte spielt dagegen eine große Rolle, die Leute seien bereit, für Produkte aus der Nähe mehr zu bezahlen, erzählt Sauter. Der Honig kommt aus Aßmannshardt selbst, auch die Eier stammen von einem Geflügelhof in der Nähe. 

Nicht nur die Bewohner Aßmannshardts haben das Geschäft in ihr Herz geschlossen; auch Anwohner einiger kleinerer Ortschaften in der Nähe nutzen das Angebot des Ladens. Bis zum nächsten größeren Supermarkt nach Schemmerhofen sind es immerhin über fünf, nach Munderkingen gar 14 Kilometer - ohne Auto ist das nicht so einfach.

Gegen kurz vor 18 Uhr ist Markus Winter einer der letzten Kunden des Tages. Zwar erledige er den Großeinkauf im großen Supermarkt - mehrmals die Woche kommt er aber auch in den Dorfladen; vor allem für "Dinge, die man schnell mal braucht". Heute hat er Wurst und Brötchen besorgt. Wegzudenken sei der Dorfladen schon lange nicht mehr aus Aßmannshardt, meint Winter. Sogar Sonntags öffnet der Laden für zwei Stunden, viele decken sich dann mit Bröchten für das Frühstück ein.

Ob der Dorfladen künftig, eventuell auch mit dem Rückenwind der Auszeichnung als "Dorfladen des Jahres", wachsen wird? Frank Sauter wiegelt ab. Eine Vergrößerung der Räumlichkeiten sei schwierig, auch sei es nicht leicht, die dann benötigten weiteren Mitarbeiter zu finden.

Vielmehr gehe es darum, den Laden, so wie er ist, am Laufen zu halten. Ihm dabei helfen werden ihm sicher die Bürger aus dem Ort. Denn Aßmannshardt ohne seinen Dorfladen? Das will und kann sich hier niemand mehr vorstellen.

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