Erwin Teufel (links) bei seiem Vortrag in Heilikreuztal, rechts ist Monsignore Heinrich-Maria Burkhard zu sehen. (Foto: Carmen Bogenrieder-Kramer)
Schwäbische Zeitung
Carmen Bogenrieder-Kramer

Bei der Politischen Wochenendtagung der Stefanus-Gemeinschaft hat am Samstag der ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel einen Vortrag zum Thema: „Die Rolle des Bürgers in Kirche und Staat“ gehalten. Dabei erläuterte Teufel die verschiedenen Aufgaben von Kirche und Staat, ging auf geschichtliche Entwicklungen ein, prangerte Fehlentwicklungen an und warnte davor, den Geist der Zeit zu „verschlafen“.

Bei der anschließenden Diskussion nutzten die gut 30 Seminarteilnehmer und einige Gäste die Gelegenheit Hintergrundinformationen zu erfragen und Details zu beleuchten.

„Die Kirche hat immer dann Einfluss auf staatliche Entwicklungen genommen, wenn sie die Zeichen der Zeit erkannt hat“, resümierte Teufel als er die Geschichte der Katholischen Kirche Revue passieren ließ. Allerdings, so der Referent weiter, habe die Kirche auch Vieles verschlafen, etwa zu der Zeit von Karl Marx und Adolf Kolping, als es darum ging, die Arbeitnehmerfrage des 19. Jahrhunderts zu lösen.

Heute gehe es um die Frauenfrage. „Wenn Frauen der Kirche fern bleiben, wie im 19. Jahrhundert die Arbeitnehmer, dann ist das eine große Katastrophe“, mahnte er. Deshalb sei die Frage nach den Rechten der Frauen in der Katholischen Kirche eine Entscheidende, schließlich sei es sehr schwer, Kinder mit der Kirche in Verbindung zu bringen, wenn die Mütter nicht mehr dabei sind.

Teufel sprach sich für Frauen im Diakonat aus und führte gegen die Priesterweihe von Frauen nur die Angst vor einer Kirchenspaltung an. Theologisch gebe es keine Hindernisse für das Frauenpriesteramt, da sei diese Frage bereits klar erläutert.

Teufel forderte das Subsidiaritätsprinzip in der Katholischen Kirche ein und prangerte den von Rom praktizierten Zentralismus an. Wenn 35 deutschsprachigen Bischöfen die Fähigkeit über die Rechtgläubigkeit eines neuen Gesangbuches zu entscheiden von Rom abgesprochen werde, dann sei das nur ein aktuelles Beispiel für überkommenes Kirchenrecht. Ebenso sei das Bild vom Kirchenvolk als Herde unmündiger Schafe längst überholt.

Teufel, der seit 1956 Mitglied bei der Stefanus-Gemeinschaft ist und dort nach eigener Aussage auch das Diskutieren gelernt hat, forderte alle Christen auf, Vorbild in Kirche und Staat zu sein. Er sagte: „Sapere aude“; was nach einer Interpretation von Kant so viel bedeute, wie: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bemühen“.

In seinem gut einstündigen Vortrag brachte es Teufel immer wieder auf den Punkt. Er faszinierte seine Zuhörer mit markanten Aussagen wie „Die Kirche beginnt nicht in Rom, sondern in den Gemeinden“, „Europa ist für mich zuerst Friedensgemeinschaft“, „Unser Rechtsstaat ist die größte Errungenschaft unserer Geschichte“, „Der Tag ist abzusehen, an dem die Christen in Deutschland weniger als 50 Prozent ausmachen“, „Im katholischen Glaubensbekenntnis steht nichts von der Verkündigung Jesu“.

Teufel ging auch auf aktuelle Themen der Integration und das Verhältnis zum Islam ein: „Wer in Deutschland leben will, muss sich in die geltenden Grund- und Menschenrechte einordnen“, sagte er, und: „Moscheen in Deutschland aber keine christlichen Kirchen in der Türkei – das macht schon nachdenklich“. Dabei betonte er auch: „Wir müssen uns für die universalen Werte, für die internationale Gültigkeit der Grund- und Menschenrechte, einsetzen“, jeder stehe in der Verantwortung vor sich und in einer Letztverantwortung vor Gott.

Der ehemalige Ministerpräsident betonte in seinem Vortrag auch die Bedeutung von Bildung: „Bildungschancen sind Lebenschancen“. Er hob aber auch die Rolle der Familie in der Gesellschaft hervor: „Der Wert der Familie darf nicht in Frage gestellt werden“, sagte Teufel.

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