Minister a.D beklagt Trend zur Selbstdarstellung

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 Der ehemalige Minister Dr. Ulrich Müller bei seinem Vortrag in Heiligkreuztal zur „Redekunst im Wandel der Zeit“.
Der ehemalige Minister Dr. Ulrich Müller bei seinem Vortrag in Heiligkreuztal zur „Redekunst im Wandel der Zeit“.
Alexander Speiser

Die Stefanus-Gemeinschaft mit Sitz im Kloster Heiligkreuztal feiert in diesem Jahr ihr 70-jähriges Bestehen mit einer politischen Tagung, Vorträgen, Gottesdiensten, einem Konzert und einer Sternwallfahrt nach Zwiefalten. Aus diesem Anlass hielt Ulrich Müller, ehemaliger Landesminister und langjähriger Rhetorik-Referent bei der Stefanus-Gemeinschaft am Samstag einen Vortrag zum Thema „Sprecherziehung, Redekunst, Performance – über das Reden bei Stefanus im Wandel der Zeiten.

Die Stefanus-Gemeinschaft wurde 1948 von Alfred Lange gegründet, mit dem Ziel, dem christlichen Glauben eine Stimme zu geben und Sprache zu verleihen. 1972 übernahm die Gemeinschaft das weitgehend verfallene ehemalige Kloster Heiligkreuztal, sanierte es nach und nach und baute es zu einer heute überregional anerkannten Bildungsstätte mit einem vielfältigen Programm aus. Einer der Schwerpunkte bis heute ist die Rhetorik.

Jede Art von Kommunikation sei zeitbedingt, so Müller und unterliege einem stetigen Wandel. Rhetorik könne dem Selbstzweck der Darstellung des Vortragenden dienen, aber auch Inhalte vermitteln oder Verkaufstechnik sein. Man müsse sich fragen, was ist wichtiger, die Botschaft oder der Botschafter. Im Sinne von Alfred Lange sei Glauben, Wissen und Reden eine Hierarchie.

Vorträge zur Orientierung

Die Redekunst der 50er und 60er-Jahre galt der Botschaft und war in deren Sinne, sagte Müller. Vorträge wurden auch mangels Alternativen gerne angenommen, es wurde nach Orientierung gesucht, es gab einen Hunger nach Botschaften.

Die 68er-Generation stieß in den 70er- und 80er-Jahren vieles um und an: Es wurde diskutiert, vieles in Frage gestellt, alles wurde viel komplexer und komplizierter. Die Rhetorik hat sich in der Zeit vom Inhalt entkoppelt. Alfred Lange habe sich redlich bemüht, wollte Inhalte vermitteln, Orientierung auf der Basis eines christlichen Weltbildes und im Glauben bieten.

Die neuen Medien wie Internet und die sozialen Netzwerke haben seit den 90er Jahren nochmals alles verändert. Terrorismus, Populismus und Vertrauenskrisen haben einen Erosionsprozess in Gang gesetzt. Die Rhetorik wurde in etliche Themen aufgesplittet. Als Reaktion hierauf wurden bei der Stefanus-Gemeinschaft Kurse mit neuen Zielen und für neue Zielgruppen eingerichtet und angeboten. Heute gehören auch Atemübungen, Angstüberwindung, allgemeine Kommunikation und Seminare für Dritte zum Angebot des Bildungszentrums im Kloster Heiligkreuztal.

Redekunst in Form von Performance als Art der Selbstdarstellung führe schnell zu einem Verlust an Inhalten, sei geprägt von Egoismus, die Kommunikation verkomme zum Selbstzweck: „The Medium ist the Message“, so Müller. Er befürchtet, dass die neuen Medien die Menschen abstumpfen, die Sprache verkümmert, Schüler immer schlechter würden und Fake News sowie Hate Speech die Medien beherrschen.

Infos aus der Internet-Blase

Infos werden über die elektronischen Medien zunehmend wie gewünscht und auf Verlangen geliefert – im Gegensatz zur Tageszeitung, die eben und auch neue, unbekannte Informationen liefert und sich so nicht dem Mainstream beugt. Auch die beliebten Selfies seien nichts anderes als Selbstzweck und dienen der Selbstdarstellung, der Selbstbestätigung der Erzeuger.

Man müsse lernen zu erkennen, was wichtig und was unwichtig sei, so Müller, und die Redekunst wieder in den Dienst der Sache stellen. „Wir brauchen Bekenntnis und Bekennermut; Überzeugte, die überzeugen; eine Rückkehr zu Inhalten und Kommunikationshelfer, wie sie die Stefanus-Gemeinschaft anbietet“, so Müller. In einer schnelllebigen Zeit wie heute sei ein Satz von Martin Walser geradezu Balsam und treffe den Kern der Problematik „Ich muss darüber nachdenken, ob ich einen mitteilenswerten Gedanken habe“.

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