Fachtagung in Heiligkreuztal zur Flüchtlingsfrage

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Schwäbische Zeitung
Eva Winkhart

Eine bunte Mischung an Menschen aus ganz Baden-Württemberg, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit Integration beschäftigen, haben sich zu einer Fachtagung im Kloster Heiligkreuztal getroffen. Ihr Thema: „Die Flüchtlingsfrage entscheidet sich im ländlichen Raum – nachhaltige Integration als gemeinsame Herausforderung von Kirche und Kommune“.

Einen Tag lang wurden die Teilnehmer in Vorträgen auf den neuesten Stand gebracht, konnten sich über innovative Projekte und Modelle in einer Lernwerkstatt informieren, lernten gelungene Praxisbeispiele kennen und hatten viele Möglichkeiten zu Gesprächen. „Die Gemeinden müssen Hilfen kriegen“, war der Anspruch eines Praktikers an diesen Tag voller Informationen. Und in der ersten Fragerunde wurde die Forderung laut nach mehr Fachpersonal und Unterstützung für kleine Gemeinden, um eine nachhaltige Integration zu gewährleisten.

130 Teilnehmer aus Baden-Württemberg – zwischen Offenburg und Isny, von Meckesheim bis Waldshut-Tiengen – kamen zur Tagung zusammen. „Die Mischung macht’s spannend“, sagte Kerstin Leitschuh, Dekanatsreferentin aus Biberach zu Programm und Teilnehmern.

Dr. Joachim Drumm von der Diözese Rottenburg-Stuttgart stellte in seiner Einführung klar, dass eine Abschottung vor Flüchtlingen weltweit nicht möglich ist. Zuströme sollten jedoch in geordnete Bahnen gelenkt werden. „Das Thema ist aktuell und brennt unter den Nägeln.“ Die Situation sei nicht vergleichbar mit vorherigen Lagen – der der Vertriebenen, der Gastarbeiter, der Aussiedler. Um eine nachhaltige Integration von Flüchtlingen gelingen zu lassen, kämen die Tagungsteilnehmer aus unterschiedlichen Verantwortungsbereichen von Kirche und Kommune. Lernprozesse seien unumgänglich. Lösungen müssten gemeinsam gesucht werden. Gemeinsame Rahmenbedingungen, Vernetzung und Kommunikation seien notwendig.

Für das erste Fachreferat stand Hartmut Alker auf der Tagesordnung, Ministerialdirigent im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg und Vorsitzender der Bund-Länder Arbeitsgemeinschaft (Arge) Nachhaltige Landentwicklung. „Herausforderungen und Chancen ländlicher Regionen bei der Integration von Migranten“ war sein Vortrag überschrieben. Er stellte den Satz an den Anfang: „Probleme sind dazu da, dass man sie positiv gestaltet.“

In Großstädten würden Migranten oft an den gesellschaftlichen Rand gedrängt, so Alker. Parallelgesellschaften könnten dadurch entstehen. Der ländliche Raum biete da andere Möglichkeiten. Die Menschen hier sieht er als toleranter und offener, eine Gefahr der Ghettobildung als geringer. Die Aufnahmebereitschaft sei hoch. Das in den ländlichen Gemeinden weiter verbreitete Ehrenamt spiele eine Rolle.

„Wir-Gefühl“ entwickeln

Durch Zuwanderung würden Potenziale und Kompetenzen in den Vordergrund gerückt. „Zuwanderung ist keine Einbahnstraße“, sagte Alker. Allerdings sagte auch er, dass die Gemeinden, die Bevölkerung der Dörfer Unterstützung und intensive Begleitung bräuchten, um die Balance zu halten. Und sie müssten in die Konzeption einbezogen werden. Ein „Wir-Gefühl“ soll sich entwickeln. Ein Positionspapier der Arge Landentwicklung mit Mitgliedern aus allen Bundesländern sei beschlossen. Es enthalte viele praktische Ansätze. Für Interessierte lag es zum Mitnehmen bereit.

Die Chancen für die Entwicklung des ländlichen Raumes durch Zuwanderung sieht Alker positiv. „Soziale Dorfentwicklung“ nannte er es: Wohnungsleerstände in den Dorfkernen können genutzt werden; Kindergärten und Schulen bekommen mehr Zulauf, was Zusammenlegungen oder Auflösungen verhindert; Läden würden benötigt zur täglichen Versorgung; Fachkräftemangel bei Dienstleistungen, im Handwerk und in dörflichen Betrieben könnte aufgefangen werden. Allerdings sei Mobilität Voraussetzung: „Der öffentliche Personennahverkehr ist besonders für Migranten wichtig.“ Sprache, Bildung, Anerkennung, Familie, Arbeit und Integration bezeichnete er als die „Schlüssel“ zur gelungenen Integration.

Keine Gemeinde könne die Herausforderungen alleine schultern. Zu einer nachhaltigen Integration müssten Netzwerke geschaffen, Ängste und Herausforderungen ernst genommen werden. Patentrezepte gebe es keine, stellte Alker klar, gute Beispiele dagegen einige, wie die Tagung zeigen soll.

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